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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 22.01.2004

Paycheck - Die Abrechnung

Die weiße Taube wirkt müde

Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten
 

Weiße Tauben sind John Woos Markenzeichen. Wenn sie in die Kamera fliegen, befinden sich Woos Protagonisten vor dem Showdown, den sie mit großkalibrigen Waffen austragen. Danach ist Frieden.

Diesmal geht Woos Blick in die Zukunft: Ein Ingenieur (Ben Affleck) verdingt sich bei Technologiefirmen, um in strenger Klausur neue Produkte zu entwickeln. Anschließend lässt er seine Erinnerung an diesen Zeitraum löschen. Irgendwann bekommt er einen millionenschweren Auftrag und baut eine Maschine, mit Hilfe derer er in die Zukunft sehen kann - eine Zukunft der Kriege, denn die Menschheit kann mit den Informationen nicht umgehen. Und er erfährt, dass man ihn verschwinden lassen will, sobald seine Erinnerung gelöscht sein wird. Also sorgt er vor und tauscht die persönlichen Gegenstände, die er beim Antritt abgeben musste, heimlich gegen andere - Büroklammer, Diamantring, Betriebsausweis -, die ihm aus den brenzligen Situationen helfen werden, die er vorhersieht.

Leider wird aus der folgenden Jagd nicht mehr als eine Oberfläche aus Action-Sequenzen (Motorrad-Verfolgung - hatten wir das nicht erst ausgiebig?) und Kulissen, unter und hinter die man vergeblich zu blicken versucht. Die böse Firma interessiert nur das große Geld, und der eigentlich harmlose Weltenretter ist - anders als etwa der hauptamtlich in diesem Metier tätige James Bond - zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Allzu offensichtlich sind zudem Parallelen zu "Total Recall", allzu dreist ist das Design bei Spielbergs "Minority Report" abgeschaut. Und alle Situationen, in denen Affleck den Zweck seiner "Items" entdeckt, wirken vollkommen unglaubwürdig. Wieso lässt die Firma ihm einen Türöffner zum Hochsicherheitstrakt? Und wieso schlägt seine Uhr genau in dem Moment Alarm, in dem der tödliche Schuss auf ihn abgegeben wird, obwohl die Situation sich völlig anders entwickelt hat als vorhergesehen?

Afflecks ("Pearl Harbor") anhaltender Erfolg bleibt auch nach "Paycheck" ein Rätsel. Mit der glatten Emotionslosigkeit eines ungelenken Parfümverkäufers tapert der All-American-Boy ohne Eigenschaften durch einen Film, dessen Konstruktionsfehler ein Charakter mit Esprit vielleicht hätte mildern können. An seiner Seite streitet Uma Thurman, die, wohl eine Folge von "Kill Bill", beim Showdown aus ihrer völlig unpassenden Rolle als nettes Weibchen fällt. Und für die Sparwitze muss Shorty (Paul Giamatti) herhalten, das Abziehbild eines uncoolen, aber loyalen Kumpels.

Am Ende ist Frieden, oder das, was die Menschheit dafür hält. Doch wie schon in "Minority Report" interessiert sich auch hier niemand wirklich für den Zustand der Welt; stattdessen streicht der Held den vorausschauend geplanten Lottogewinn ein. Da wirkt die weiße Taube müde. Und sie hat allen Grund dazu.
 

Bernd Haasis

22.01.2004 - aktualisiert: 22.01.2004 11:10 Uhr

 


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