Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 22.01.2004
Die Träumer
Spiel mit dem Ernst
Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten
Paris im Mai 1968: Die Studenten wagen den Aufstand. Die Revolution, die keine ist, weil die Gesellschaft bleibt, wie sie war, beginnt mit der Schließung der Cinémathãque Française und der Entlassung ihres Leiters, Henri Langlois. Hier trifft Matthew, ein Kinofan aus Kalifornien, Isabell. In Protestierhaltung hat sie sich an das verschlossene Gitter der Cinémathãque angekettet. Doch als Matthew die Französin bewundernd anhimmelt, zeigt sie lachend, dass sie die Fesseln nur zum Schein angelegt hat.
Das Spiel mit dem Ernst zieht sich als Thema durch Bernardo Bertoluccis Film "Die Träumer" (nach einem Roman von Gilbert Adair) bis zur Beinahe-Katastrophe. Die Dramen der Leinwand werden mit der Gegenwart verschränkt, Helden sind Isabell, ihr Bruder Theo und ihr neuer schüchterner Freund. In der Wohnung, die zur Bühne einer Ménage á trois wird - die Eltern sind verreist -, spielen sich Szenen ab, die man vereinfachend als Produkte der Hirnakrobatik eines alternden Lüstlings halten könnte. Doch so einfach ist es nicht.
Rebellion, grenzüberschreitende Sexualität, Hunger nach der Wucht von Gefühlen waren schon immer Themen Bertoluccis, etwa in "1900" oder "Der letzte Tango in Paris". Das "Träumer"-Trio benutzt Filmzitate für ein Ratespiel, in dem es seine Körper einsetzt: Theo muss vor einem Bild Marlene Dietrichs masturbieren, Isabell und Matthew sich auf dem Küchenboden lieben.
Sensationell auf der Leinwand der Gegenwart ist weder das eine noch das andere. Doch taugt es als erinnernder Rückgriff in eine spießige, nicht nur sexuell verklemmte Zeit, die Generationen bis heute geprägt hat. Im Bodenlosen verliert sich der Film, als Isabell in der inzwischen vermüllten und verwahrlosten Wohnung nach der Freitodszene aus Bressons "Mouchette" einen Suizid imitiert.
Die Auflösung dieser letzten Inszenierung - die Eltern kehren nach Haus zurück, und vor der Haustür brennen die Barrikaden - enttäuscht dann doch. "Die Träumer" sind weitaus weniger radikal und sinnlich, als sie vorgeben.
Brigitte Jähnigen
22.01.2004 - aktualisiert: 22.01.2004 11:18 Uhr