Matthew, Isabelle und Theo liegen gemeinsam in der Badewanne.
"Heute fehlt die politische Leidenschaft"
Mit "Der letzte Tango in Paris" sorgte er für Skandale, mit "1900" und "Der letzte Kaiser" schrieb er Filmgeschichte. Doch auch Niederlagen wie "Gefühl und Verführung" musste Bernardo Bertolucci verkraften. Mit "Die Träumer" kehrt der Italiener nach Paris zurück. Im Jahr 1968 lässt er dort seine drei jungen filmbesessenen Helden gegen das System rebellieren und freizügig die Sexualität entdecken.
Wie sehr leiden Sie unter dem ewigen Vergleich mit dem "Letzten Tango"? Bei "Die Träumer" spricht man bereits von "Der erste Tango von Paris" ...
Die Sexualität im "Letzten Tango" ist schwermütig und düster, fast schon makaber. In den "Träumern" hingegen ist der Sex sehr sinnlich, sehr angenehm, sehr unwiderstehlich. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich bei diesem Film fast so etwas wie Vatergefühle. Das ging mir zuvor noch nie so. Zugleich hatte ich Schuldgefühle. Das ist der eigentliche Inzest in diesem Film - und nicht diese Liebe zwischen den Geschwistern. Ich hatte auch Angst, dass man mir vorwirft, mit diesem Film präsentierte ich mich als alter Mann mit schmutzigen Fantasien.
Was sind Sie dann?
Ich weiß es nicht. Alte Männer mit schmutzigen Fantasien halten sich selbst ja stets für junge Schmetterlinge. Deswegen weiß man das von sich selbst eben nie genau. Mir selbst hätte der Mut gefehlt, so nackt vor die Kamera zu treten wie Michael. Doch diese Szenen waren notwendig für diesen Film.
Hätte Ihr Lehrmeister Pasolini nicht erwartet, dass die beiden Jungs untereinander sexuelle Forschungsreisen unternehmen?
Nicht nur Pasolini, auch Gilbert Adair, der Autor des Romans. Ein schwuler Filmkritiker aus Amerika hat mir sogar vorgeworfen, ich hätte die Sexszenen zwischen den Jungs der Zensur geopfert. Tatsächlich aber wollte ich den Film einfach nicht überfrachten. Das sollte schließlich kein übervoller Truthahn beim Erntedank werden. Die Thematik ist angedeutet, es gibt diese zwei Szenen, bei denen sich die beiden Jungs sehr nahe kommen. Aber das fand ich völlig ausreichend.
Sie wollten ursprünglich einen dritten Teil von "1900" machen. Wie es heißt, taten Sie das nicht, weil Sie die politische Lage zu pessimistisch sehen.
Es fehlt heute die politische Leidenschaft, die es 1975 in Italien gegeben hat. Damals wurde "1900" ein enormer Erfolg, weil er das Lebensgefühl der Menschen traf. Da war die ganze Nation kollektiv begeistert - ganz anders als heute, wo über die Hälfte der Italiener diesen schrecklichen Menschen zum Ministerpräsidenten wählten. Als mir meine Frau den Roman von den "Träumern" vorschlug, entdeckte ich darin sofort den Geruch der 68er. Er beschrieb unsere damaligen Utopien ganz präzise. Utopien für alle Aspekte des Lebens: Kino, Politik, Rock ’n’ Roll, Sex, Joints. Alles harmonierte miteinander. Es war ein fantastischer Moment. 1968 war Sex für uns etwas Revolutionäres. Auch damit wollten wir Grenzen überschreiten. Doch dieses Wort "Überschreiten" hört man heute kaum noch von Jugendlichen. Vielleicht wollen sie keine Grenzen mehr überwinden.
Sehen Sie die Globalisierungsgegner von heute nicht in dieser Tradition?
Deshalb soll die letzte Einstellung ganz bewusst die Brücke zu den Ereignissen von Genua oder Davos schlagen, wo die Polizei äußerst aggressiv gegen die Globalisierungsgegner vorging. Mein Film sollte nicht nur von 1968 handeln, sondern von der Jugend heute. Es gibt diese Szene, als Matthew nachts mit halb offener Hose durch die Wohnung schleicht. Dabei trägt er den Bund seiner Boxershorts lässig über den Jeans, so wie man es aus Musikvideos kennt. Für ihn war das ganz selbstverständlich - aber so wäre damals niemand herumgelaufen. Für mich ist das die Verbindung zwischen damals und heute.
Glauben Sie an die Kraft des Widerstands im Kino?
Ja, aber ich bin mir heute sicher, dass ein Film nicht viel verändern kann. Ich habe nie geglaubt, dass jene, die etwa "1900" gesehen haben, sich später in einer linken Partei engagieren würden. Trotzdem hat das Kino einen wichtigen Anteil am Verlauf des breiten kulturellen Flusses. Leider hat heute das Fernsehen einen enorm starken Einfluss auf die Realitätswahrnehmung. Ich glaube, dass Silvio Berlusconi Premierminister geworden ist, weil er es verstanden hat, seine drei Fernsehsender geschickt zu nutzen. Meine Furcht ist, dass sich auch andere von dem "großen Kommunikator" verführen lassen könnten.
Dieter Oßwald