Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 30.01.2004
Deep Blue
Lockende Tiefe
Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten
Oben tosen Riesenwellen, bricht sich das Element Wasser mit Wucht seine Bahn. Unten herrscht Stille. Doch die ist trügerisch. Tunfische schlagen Schneisen in einen silbrigen Schwarm Sardinen, Orkas machen Jagd auf Grauwale, bis das Blut eines Jungtiers die Fluten färbt.
Mantas gehen auf Streifzug nach kleinen Fischen und Plankton. Minutenlang schwelgt der Film, begleitet von monumentaler Musik, die George Fenton ("Gandhi") komponierte, gespielt von den Berliner Philharmonikern, in betörenden, brillianten Bildern vom Leben in und an den Ozeanen dieser Welt.
70 Prozent der Erdoberfläche besteht aus Wasser, doch der Mond ist besser erforscht als "The Deep Blue". Kein Wunder also, wenn das blaue Element zur Herausforderung für die Filmemacher der "Nomaden der Lüfte" wurde.
20 Kamerateams haben unter der Regie von Andy Byatt und Alastair Fothergill fünf Jahre lang an mehr als 200 Orten gedreht, die ihnen Meeresforscher angewiesen haben. Denn ohne die Wissenschaftler gäbe es diesen Film nicht, der auf der BBC-Dokumentarserie "Unser Blauer Planet" basiert. So wurden zum Beispiel Sensoren auf Fischhäute geklebt, die Schwimmrouten, Tauchtiefen und Wassertemperaturen aufzeichneten: Voraussetzung für die erfolgreiche Kameraarbeit, die gleichzeitig neue Informationen für die Wissenschaft lieferte.
Der deutsche Untertitel "Entdecke das Geheimnis der Ozeane" bekommt so mehrfache Bedeutung: Mit dieser imposanten Vielfalt noch nie gesehener Bilder von heißen Quellen und Tiefseegräben, von bizarren Fischen und Blitze aussendenden Shrimps (aus gepanzerten Mini-U-Booten in bis zu 5000 Meter Tiefe gesichtet) lockt die künstlerische Tauchelite nicht nur die Freizeittaucher an.
Wie lange kann es dauern, bis exklusive Reiseunternehmen für Mini-U-Boot-Touren ins Reich der Tiefe werben? Dem Ökosystem Meer - von den Filmemachern ohnehin völlig ungetastet präsentiert und obendrein per Computer bearbeitet - er wüchsen weitere Bedrohungen.
Brigitte Jähnigen
30.01.2004 - aktualisiert: 30.01.2004 12:07 Uhr