Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 27.02.2004
21 GrammDrama
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Haben Sie sich schon einmal gefühlt wie ein Herzkranker, der verzweifelt auf ein Spenderorgan wartet? Oder wie einer, der eins eingepflanzt bekommt und sich wie neugeboren fühlt? Oder wie einer, der in zunehmende Atemnot gerät, weil sein Körper das fremde Organ ablehnt? Sean Penn spielt diesen Wankenden zwischen Leben und Tod, den Mathematiker Paul Rivers, so hautnah, dass der Zuschauer in seiner Gänsehaut mitfiebert und -leidet, als sei er es selbst.
Und so geht es mit all den tragischen Figuren des mexikanischen Regisseurs Alejandro Gonzàlez Inàrritu, der seinen Film wie schon "Amores Perros" um einen schrecklichen Verkehrdunfall herum aufbaut: Das Spenderherz stammt von einem Vater, der mit seinen zwei Töchtern überfahren wird. Hartnäckig sucht der temporär Wiedergenesene Rivers nach der Witwe und findet eine Frau im freien Fall, eindrucksvoll und beängstigend lebensecht dargestellt von Naomi Watts ("Mulholland Drive"). Über die beiden bricht der schlimmste Fall herein: Als sie zu ihrem Entsetzen erfährt, wessen Lebensnerv er in sich trägt, haben sie sich schon ineinander verliebt.
Und dann ist da noch der Übeltäter, der Fahrerflucht begeht und seine drei Opfer blutend auf der Straße liegen lässt, anstatt ihnen zu helfen. Benicio Del Toro gibt den bekehrten Schläger und Säufer, der sich nach mehrfachen Knastaufenthalten an ein dogmatisch-fundamentalistisches Christentum klammert, in das er mit harter Hand auch seine Kinder zwingt.
Inàrritu gibt Schuld, Sühne, Rache und dem Leiden der Welt Namen und Gesichter von bizarrer Schönheit. Er folgt seinen Figuren in ihre Abgründe, er zeigt sie in fahlen Farben und in Bildern, die schwanken wie die aus der Bahn Geratenen selbst. Sein Film ist eine schwarze Sonne, in der das Leben grelle Schattenseiten wirft, deren Strahlen den geblendeten Zuschauer zum Blick in die eigene Seele zwingen, zum Blick dorthin, wo unter gedanklichem Komfort sorgsam Vergrabenes lauert.
Wenn ein Mensch stirbt, so des Titel-Orakles Lösung, wird sein Körper 21 Gramm leichter. Wer diesen Film sieht, dessen Herz wird erdenschwer in der tröstlichen Gewissheit, dass es wirklich die Hoffnung ist, die zuletzt stirbt.
Bernd Haasis
27.02.2004 - aktualisiert: 27.02.2004 11:58 Uhr