Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 27.02.2004
Pieces of April
Eine komisch-bizarre Odyssee
Rund drei Stunden braucht ein Truthahn, um sich im Backofen in einen Festtagsbraten zu verwandeln. So viel Zeit lässt sich der Autor Peter Hedges ("Gilbert Grape") bei seinem Regiedebüt zwar nicht. Dennoch diktiert die Truthahn-Schmorzeit die Dramaturgie der Tragikomödie "Pieces of April - Ein Tag mit April Burns".
April (Katie Holmes) hat wie mit so vielen Dingen im Leben auch mit der Zubereitung des glibberig-nackten Truthahns ihre Probleme. Sie fühlt sich von ihrer Mutter Joy (Patricia Clarkson) ungerecht behandelt, und diese gibt sich Mühe, diesen Eindruck zu bestätigen. Weil aber Joy vielleicht einem Krebsleiden erliegen wird, hat sich April dazu durchgerungen, ihre Familie zum traditionellen Thanksgiving-Essen einzuladen. Während die wackelige Digitalkamera April dabei zuschaut, wie sie unbeholfen die Füllung in den Truthahn stopft und feststellt, dass der Backofen kaputt ist, macht sich ihre Familie auf den Weg zu ihr.
"Pieces of April" entwickelt sich zu einer wunderbar verdrehten und parallel montierten Vermengung von Kammerspiel und Roadmovie. Aprils Suche nach einem Nachbarn mit funktionierendem Backofen gerät zur komisch-bizarren Odyssee. Ihre im Auto eingesperrte Familie leidet derweil still unter Joys Tyrannei, die durch die Krankheit zur Zynikerin wurde.
Die an Dogma-Filmen geschulte spröde Inszenierung bewegt sich auf Augenhöhe der Darsteller, auf deren Gesichtern sich die Kamera immer wieder ausruhen darf. Hedges versucht trotz eines versöhnlichen Endes nichts schönzureden. Der Truthahn dient ihm dabei als Sinnbild für den Zustand der Familie: Trotz aller offensichtlichen Macken versucht man, die Form zu wahren. Beim Truthahn, indem man einen fehlenden Schenkel mit Teig nachmoduliert; bei der Familie, indem man den Schein aufrechterhält und lächelt, wo man eigentlich weinen müsste.
Gunther Reinhardt
27.02.2004 - aktualisiert: 27.02.2004 12:03 Uhr