Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 04.03.2004
Und dann kam Polly
Geturtel, Darm und Einsamkeit
Die Liebe ist ein Hindernislauf, und hinter jeder Hürde sind als Schikane ein paar Fettnäpfchen aufgestellt. Im Leben macht uns das zu schaffen. Im Kino amüsieren wir uns dagegen gern über die Schwierigkeiten anderer, zueinander zu finden und einander zu beeindrucken. Die Romantic Comedy, Hollywoods Betrachtung des Balzverhaltens Erwachsener, nimmt dabei meist Rücksicht auf Empfindsamkeiten. Nicht so John Hamburgs derbe Gaudi "Und dann kam Polly".
Hier turteln Ben Stiller als Risikomanager einer Versicherung, als kreuzbraver Typ mit vielen Hemmungen also, und Jennifer Aniston als Gelegenheitskellnerin, als flippige Nudel voller Risikobereitschaft. Aber die Peinlichkeiten dieser Liebesanbahnung sind von der Art, über die man bei Tisch nicht spricht. Am ersten gemeinsamen Abend beispielsweise wagt Reuben, der am Reizdarmsyndrom leidet, mit Polly ein deftiges Mahl. Wir wissen also, warum er verquält und verdreht läuft, als er Polly nach Hause begleitet. Und wir ahnen, dass es nichts mit erotischer Erwartung zu tun hat, als er ihr Angebot auf einen Kaffee dankend annimmt. Flugs okkupiert er die Toilette, mit dem üblich verlegenen Getue, als müsse er nur mal eben die Hände waschen. Kaum ist die Tür zu, erleichtert der Geplagte sich lautstark.
Doch nach ein wenig Gefurze und Geplätscher schreitet der Film erst richtig aus und lässt die Geschmacksgrenzen der romantischen Komödie weit hinter sich. Reuben bemerkt, dass kein Klopapier mehr da ist, und sucht verzweifelt nach Ersatz. Ein kurzer Blick der Kamera suggeriert, dass er sogar für einen Moment erwägt, ob Pollys Frettchen, das unter der Klotüre durchgeschlüpft ist, als felliger Behelf nutzbar wäre. Die Vorbilder solcher Tiefschlag-Scherze sind eindeutig: John Hamburg erweist hier den Farrelly-Brüdern Reverenz, die seit "Dumm und dümmer" und noch mehr seit "Verrückt nach Mary" als große Sittenverroher oder Innovatoren Hollywoods gelten, je nach Blickwinkel.
Wer die Filme von Peter und Bobby Farrelly nicht mag, wird "Und dann kam Polly" hassen. Aber auch Farrelly-Fans werden die erneute Zusammenarbeit von Hamburg und Stiller nach "Zoolander" nicht unbedingt mögen. Der anarchische, schockierende Humor der Farrellys werde hier durch viel Routine aus dem Töpfchen-sucht-Deckelchen-Genre domestiziert, kann man einwenden. Man darf aber auch von der anderen Seite schauen und loben, die Gemütlichkeit der romantischen Komödie werde durch peinsame Situationen erschüttert, das Risiko der Turtelnden, sich zu blamieren, durch mehr als verklecksten Rotwein beglaubigt.
Beide Fraktionen können sich auf die handwerkliche Qualität dieses Films berufen. In "Along came Polly" finden sich müde Szenen, die hundertfach benutzte Klischees ohne Glauben an deren Überzeugungskraft noch einmal bemühen. Doch dazwischen stehen auch schön getimte, pfiffige Sequenzen und einige Dialoge, die nicht bloß beliebige Witzeleien transportieren, sondern aus den Charakteren erwachsen. Reubens Tirade etwa, warum man keine Erdnüsschen aus den Schalen auf der Kneipentheke knabbern sollte, ist durchaus hörenswert.
Dass uns der Ulk nicht ratlos zwischen Amüsement und Abscheu zurücklässt, ist Philip Seymour Hoffman gedankt, nicht nur staturmäßig ein Pfundskerl des US-Kinos. Hoffman ("Happiness", "Der talentierte Mr. Ripley") spielt den Freund und Ratgeber Reubens, eine in Beruf und Privatleben gescheiterte Existenz, ein brachiales Großmaul, das gegen jede Einsicht in die eigene Kläglichkeit bestens isoliert scheint. Mal um mal etwa rennt er auf dem Basketballplatz brüllend auf den Korb zu, gröhlt "den hau ich rein" oder "Voll versenkt" und kümmert sich kein bisschen darum, dass der Ball immer nur ans Blech scheddert und meterweit am Ring vorbei hüpft. Sandy erteilt Ratschläge über todsichere Sexualpraktiken, und wenn ihm Reuben dann von der Beinahekatastrophe berichtet, doziert er überlegen: "Ja, manche Frauen mögen das gar nicht." Dieser Sandy Lyle ist die heimliche Hauptfigur des Films, ein Einsamer und Kontaktgestörter, der es anders als Reuben nicht einmal zu ersten Flirtabenden bringt, die peinlich werden könnten. Sandy verkörpert den eigentlichen Albtraum der Romantic Comedy, den Mann, dessen Pech und Einsamkeit sich zur Charakterdeformation verhärtet haben. Das, und nicht das Fehlen von Klopapier, ist die eigentliche Drohung, die über all den Verunsicherten auf Partnersuche schwebt.
Thomas Klingenmaier
04.03.2004 - aktualisiert: 04.03.2004 11:44 Uhr