Im Jahr 1999 verdursten zwei kleine Kinder, zurückgelassen von der Mutter in der eigenen Wohnung in einer Plattenbausiedlung in Frankfurt/Oder. Knapp fünf Jahre nach der Tat kommt nun ein Dokumentarfilm in die Kinos, der das Geschehen rekapituliert, die Mutter und ihr Umfeld zeigt und die Frage nach Schuld und Verantwortung neu formuliert. Der Film bekam den ersten Württembergischen Dokumentarfilmpreis 2003. Eva Maria Schlosser hat sich mit der Filmemacherin Aelrun Goette unterhalten.
Frau Goette, warum ein Film über eine Frau, die ihre Kinder verdursten lässt?
Für mich ist es weniger ein Film über Daniela Jesse als darüber, wie es dazu kommen konnte, dass 1999 mitten in Deutschland zwei Kinder verdursteten. Ich bin jeden Tag zur Gerichtsverhandlung gegangen. Was ich dort erlebt habe, war für mich der Anlass, diesen Film zu machen. Da war auf der einen Seite die Täterin Daniela und auf der anderen Seite dieser Aufschrei in der Bevölkerung. Teilweise forderten die Leute die Wiedereinführung der Todesstrafe. Ich hatte das Gefühl, hier wird eine Schuldige gefunden für etwas, was allen unglaublich wehtut. Sie wird verurteilt, hinter Gitter gesperrt, und damit ist die Sache erledigt. Ich fand, so könne man mit dieser Tragödie nicht umgehen.
Wie gehen Sie damit um?Wenn ich einen Film mache, will ich auch immer die Menschen kennen lernen, die Atmosphäre spüren, deren Nöte ein Stück weit respektieren, ohne zu urteilen. Das ist nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist, dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, die Reise zu machen, die ich auch gemacht habe. Sie hat fast ein Jahr gedauert. Es gab viel Abwehr, viele verschlossene Türen.
Wie war der Kontakt zu Daniela Jesse?Wir haben partnerschaftlich zusammengearbeitet. Ich habe ihr gesagt, dass ich möchte, dass sie einen Grund hat, diesen Film zu machen. Ihr Anliegen war, darüber zu sprechen. Und sie wollte sich über ihre Beziehung zu ihrer Mutter klar werden und darüber, was passiert war. Für sie war das ein schwarzes Loch.
Sehen Sie sich in der Tradition älterer Dokumentarfilmemacherinnen wie Helke Sander, die politische und gesellschaftskritische Themen aufgreifen?<Ich bezeichne mich eher als Grenzgängerin. Ich habe alles Mögliche gemacht, bevor ich auf die Idee kam, Filme zu drehen. Was mich sehr geprägt hat, ist mein Großwerden in der DDR. Das hat mich zu einer politischen Persönlichkeit werden lassen. Für mich ist Dokumentarfilm die Möglichkeit, sich kritisch mit der Gesellschaft auseinander zu setzen, in der wir leben.
Im Film schwingt unterschwellig die Frage nach kollektiver Verantwortung mit ...Es ist ein Film übers Wegschauen. Und ich bin Teil dieses Wegschauens. Ich habe wütende Anfeindungen bekommen, selbst von Freundinnen. Die sagten mir: "Du kannst so einen Film nur machen, weil du nicht Mutter bist." Inzwischen bin ich Mutter. Jetzt würde ich ihn erst recht machen.
Wie haben Sie es geschafft, objektiv zu bleiben?Das war ein langer Weg. Der Film sah anfangs anders aus. In meiner Arbeit gibt es drei Phasen: Die erste ist die Vorbereitungsphase, in der ich mir den Film vorstelle und Positionen zu meinen Protagonisten aufbaue. Wenn ich anfange zu drehen, versuche ich das zu vergessen und meinem Gegenüber die Möglichkeit zu geben, seine Geschichte zu erzählen. Die dritte Phase ist der Schnitt. Beim ersten Schnittentwurf war der Film viel anklagender. Ich hatte versucht, Antworten auf Fragen zu geben, die überhaupt nicht beantwortbar sind. Ich hatte versucht, Schuldige zu finden, aus meiner eigenen Wut heraus. Das war der falsche Ansatz.