Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 18.03.2004
Bärenbrüder
Allzu bunte Bilderfibel der Tugend
Was war der Walt-Disney-Trickfilm "Ein Königreich für ein Lama" doch für ein Spaß, der zudem zeigte, dass diese auch bissig und originell sein können. Da gab es keine simplen Identifikationsfiguren, keine süßliche Moral, nicht einmal süßliche Filmmusik. Regisseur Mark Dindal setzte auf Tempo, auf gewitzte Dialoge, auf unkonventionelle Erzählstrukturen. "Bärenbrüder", der neue Trickfilm aus dem Hause Disney, ist die Umkehrung dessen, was "Ein Königreich für ein Lama" ausmachte.
Die Geschichte spielt in der Steinzeit. Der große, liebevolle und starke Bruder des ungestümen jungen Kenai wird von einem Bären getötet. Kenai schwört Rache und begibt sich auf die Pirsch. Spätestens jetzt weiß jeder noch so kleine Zuschauer: Kenai wird erfahren, dass Rache und Hass abträglich sind für den Lauf der Dinge. Dabei wird er allerdings selbst in einen Bären verwandelt. Und um wieder Mensch sein zu dürfen, muss er auf einem heiligen Berg eine Art Seelenaustausch vornehmen.
Regisseur Aaron Blaise inszeniert dies als ein Spektakel psychedelischer Farbströme in allen Farben der Kitschskala, die dem übersteigerten Daft-Punk-Animationsfilm "Interstella 5555" ernsthafte Konkurrenz machen. Türkisfarbene Seelen entschweben in einen lilablaugelben Himmel, den ein Dutzend Airbrushkünstler entworfen haben müssen. Dazu säuselt und schwelgt die Musik von Phil Collins. Dies wirkt wie eine Mischung aus Bildschirmschoner und LSD-Vision. Die Verwandlung eines Menschen in ein Tier gibt es auch bei Franz Kafka, in Märchen wie "Kalif Storch" oder in den Mythen von Naturvölkern. Bei "Bärenbrüder" ist sie jedoch allzu offensichtlich der Aufhänger für eine schulmeisterliche Unterweisung in sozialer Kompetenz, in Familienzusammenhalt, Tierliebe und Zivilicourage.
Mit zwei latent schwulen Elchen als komischen Figuren will Blaise das gefühlsduselige Gebaren auflockern, was jedoch aufgesetzt wirkt. Dies ist ein Film, der Kinder unterschätzt. Er setzt ihnen eine didaktisch und moralisch durchwirkte bunte Bilderfibel der Tugenden vor und bindet ihnen so einen Bären auf.
Jörg Scheller
18.03.2004 - aktualisiert: 18.03.2004 10:15 Uhr