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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 18.03.2004

Frühling, Sommer, Herbst, ...

Loslassen und Entsagen

Dieser Film ist eine Parabel auf das Leben. Sein Schauplatz ist ein See, auf dem einsam ein Haus schwimmt. Die Protagonisten sind ein Mönch und sein Schüler. Letzterer wird konzentriert mit den Erfahrungen des Lebens konfrontiert.

Er verliert seine Unschuld, er verliebt sich und verliert seinen vertrauten Lebensstil, er begeht einen Mord aus Eifersucht und verliert seine Seelenruhe, bis er im Winter seines Lebens wieder beschenkt wird. Sein Lehrer verdeutlicht ihm seine Fehler mittels angewandter Gleichnisse. Er lebt vor und legt Lösungen nahe, ohne fertige Antworten zu präsentieren. Der Schüler muss alles selber erfahren, unter anderem, dass sich auch ohne ihn das Lebensrad dreht. Der Kreislauf von Geben und Nehmen, Abschied und Neuanfang ist eben ein ewiger Lauf. Jeder Lebensabschnitt beginnt wie ein neuer Akt, entspricht einem Reifegrad und ist einer Jahreszeit zugeordnet.

"The Isle"-Regisseur Kim Ki-Duk lässt in "Frühling, Sommer, Herbst, Winter ... und Frühling" vor allem Bilder sprechen. Die wundervoll mit der Kamera erfasste Landschaft spielt die Hauptrolle, Mönch und Schüler sind Statisten, die sich in den Kreislauf des Lebens einfügen und in der Natur fast verschwinden. Worte gibt es fast keine, Dialoge noch weniger.

Der alte Mönch, allein gelassen von seinem Schüler, beendet sein Leben im Winter durch Selbstverbrennung während einer Meditation. Wie die Verwendung der Jahreszeiten als ein sich immer wiederholender Zyklus des Lebens, ist auch dies ein immer wiederkehrendes Motiv in der asiatischen Kultur. So heißt es bei den Zen-Mönchen, dass für einen Mönch Flammen wie eine Abkühlung erscheinen können. Es sei eine Frage der Einstellung. Als Gleichnis ist dies zu begreifen, als Geschichte mit realen Menschen schwebt über allem jedoch ein Hauch von selbstkasteiendem Fatalismus und Trauer. Für Spiritualität und Seelenruhe wird hier der hohe Preis der Einsamkeit gezahlt.

Loslassen und entsagen ist das Credo. Das scheint alles richtig, spirituell und so ganz und gar nicht westlich. Doch der Hauch von Glück, der die Einsicht mit sich bringen mag, lediglich ein Teil vom großen Ganzen zu sein, bleibt uns der Film allerdings schuldig.
 

Eva Maria Schlosser

18.03.2004 - aktualisiert: 18.03.2004 10:20 Uhr

 


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