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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 18.03.2004

Die Passion Christi

Und Mutter Maria wischt das Blut weg

Die Gewalt-Mystik des Mel Gibson: In dem Film "Die Passion Christi" haben Botschaften und Visionen keinen Platz
 

Die Augen abzuwenden hilft nichts. Dumpf hallen die Peitschenschläge durch den Kinosaal, man spürt sie auch dann noch, wenn man sich die Ohren zuhält. Und jeder Schlag hämmert die ersten Bilder der Geißelung, die man sich noch angetan hat, fester ein: Ein entblößter Mann und zwei Folterknechte, die ihn mit eisengespickten Lederriemen bearbeiten, dass die Hautfetzen fliegen und das Blut nur so spritzt.

Nach einer Stunde ist in Mel Gibsons "Passion Christi" vom Erlöser der Christenheit nicht viel mehr übrig als ein Stück rohes, blutiges Fleisch; nach zwei Stunden verendet er elend am Kreuz. Zurück bleibt eine Frage: Sollen uns diese Bilder etwas sagen?

Gibson hat historische Fakten wie die römische Rechtswirklichkeit außer Acht gelassen und sich ganz auf Schlüsselstellen aus den vier Evangelien gestützt, um den Leidensweg Jesu von der Verhaftung im Garten Gethsemane bis zu seinem Tod zu schildern. Auch die Figuren, die in der Bibel ja nur angerissen sind, hat er weit gehend übernommen, ohne sie in komplexe Filmcharaktere zu entwickeln.

Was aber sollen eindimensionale Sandalenträger reden? Die Hauptfigur, schon nach kurzem Einstieg zum ersten Mal zusammengeschlagen, gibt in einigen Rückblenden populäre Versatzstücke vom Ölberg und vom Abendmahlstisch zum Besten, Maria Magdalena darf nichts tun als zagen und hadern, Judas trägt mit weit aufgerissenen Augen seine Schuld vor sich her, Mutter Maria wischt die Blutlachen weg.

Mehr als Laientheater wird daraus nicht, zumal die Notdialoge, die Gibson aus den ausgewählten Bibelstellen zusammengefügt hat, als Untertitel-Mosaik serviert werden, weil der Film ja auf Aramäisch und Lateinisch gedreht worden ist. Das wirkt vollkommen künstlich, nicht nur, weil die italienischen Darsteller als Römer Latein mit starkem italienischem Akzent sprechen.

Um das Ganze aufzupeppen, hat Gibson unbiblische Legenden eingefügt (ein blutiger Gesichtsabdruck Jesu auf einem Tuch) und viel Hollywood. Da kein Studio den Film wollte, investierte Mel Gibson privat 30 Millionen Dollar in gigantische Kulissen, Sounddesign, überdimensionale Bilder. Bis zu sieben Stunden täglich verbrachte Hauptdarsteller Jim Caviezel in der Maske, um sich einen Wundanzug aus Latex überziehen zu lassen. Doch die technisch gemästeten Bilder können nichts weiter zeigen als geistige Diätkost: Am Ende reißt unter dem Zorn Gottes nicht der Vorhang im Tempel, sondern der Sakralbau selbst, der vor Schuldgefühlen irre gewordende Judas erhängt sich mit Blick auf Jerusalem neben einem fliegensurrenden Kamelkadaver.

Das ist bittere Realsatire, wie die dumpf am eigenen Tun sich ergötzenden Folterknechte: Wenn dem Film-Jesus ein dicker Vierkantnagel in die Hand geschlagen wird, blickt die Kamera von unten auf den niedersausenden Hammer, bis das Blut spritzt. Kurz vor Schluss sind Hammer, Nägel und Dornenkrone dann fein säuberlich dampfgestrahlt auf einen Stein drapiert, als handle es sich um eine Werbedekoration für Merchandising-Produkte zum Film.

Jim Caviezel, den der Papst inzwischen gesegnet hat, gibt den demütigen Erdulder, der sich bis zum Schluss aus der Blutsuppe aufbäumt, als könne er dadurch eine Würde wieder erlangen, die der Filmemacher seiner Figur von Anfang an verwehrt hat.

Es ist kein Zufall, dass Gibson bei seiner Interpretation die Blutmystik in den Vordergrund rückt. Als "Mad Max" (1979) metzelte er im Endzeitkrieg degenerierte Wüstlinge hin, als schottischer Freiheitskämpfer "Braveheart" (1995, Regie: Mel Gibson) versenkte er sein Schwert mit Leidenschaft in englischen Tyrannen, als amerikanischer "Patriot" (2000) im Unabhängigkeitskrieg erlegte er Kolonialherren mit dem Tomahawk. Immer ging es um eine große Sache, und immer war der Preis Blut - viel Blut.

Mit der "Passion Christi" hat Gibson nun seine persönliche Liebeserklärung an den Saft des Lebens gedreht. Dabei war er, Hollywood sei Dank, nicht an physische Grenzen gebunden: Aus seiner Hauptfigur darf auch ganz zum Schluss noch ein herzhafter Schwall spritzen, obwohl die geschundene Kreatur längst ausgeblutet sein müsste.

Daneben passt keine Botschaft wie die, dass vor 2000 Jahren ein Mann auch deswegen ans Kreuz genagelt wurde, weil er vorgeschlagen hatte, man könne doch zur Abwechslung einmal nett zueinander sein. Von einer Vision, wie sie Pier Paolo Pasolini, Denys Arcand ("Jesus Of Montreal") oder Monty Python ("Das Leben des Brian") entwickelt haben, ganz zu schweigen.

Am Ende werden alle enttäuscht. Gläubige Christen und interessierte Beobachter können in diesem Film nur eines lernen: Wie man eine große Botschaft spektakulär in Blut ertränkt. Liebhaber gewalttätiger Splatterfilme hingegen werden hier mit einem denkbar ungeeigneten Stoff konfrontiert: Nur weil sie extrem blutrünstig inszeniert ist, wird aus der Passionsgeschichte noch lange kein spannender Thriller.

Gläubigen und interessierten Beobachtern bleibt eine Kirche, die nicht, wie Gibson, nur einen Karfreitag, sondern auch einen Ostersonntag kennt.
 

Bernd Haasis

18.03.2004 - aktualisiert: 18.03.2004 10:23 Uhr

 


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