Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 08.04.2004
Mein Name ist Bach
Den Bach hinunter
Nach "Mein Name ist Bach" wünscht man sich ein Bach-Werk in voller Länge. In voller Lautstärke. Die Matthäus-Passion vielleicht, erhaben, monumental.
Und hätte Johann Sebastian, der sich selbst weniger als Genie, sondern vielmehr als beflissenen Handwerker sah, diesen Film selbst sehen können, er hätte ihm wohl schlechtes Handwerkszeug attestiert. Etwa was Dramaturgie anbelangt. Wenn Dominique de Rivaz in seinem Debütfilm das von gegenseitiger Faszination und gegenseitiger Abstoßung geprägte Zusammentreffen des Komponisten mit Friedrich II. von Preußen im Jahre 1747 erzählt, so mutet dies episodenhaft an, ohne Schwung, ohne Feuer. "Mein Name ist Bach" wirkt seltsam zauderhaft und dröge, weniger in den Szenen selbst, sondern in deren Zusammenspiel, in der Komposition.
Vadim Glowna als Bach mag sich nicht so recht entscheiden, ob er nun einen gutmütigen, von der Muße geküssten Greis mimen soll oder lieber den Prototyp eines genialischen Künstlers. Jürgen Vogel gibt zwar einen überzeugend schizophrenen Friedrich ab, doch auch er ist Opfer eines Drehbuchs, das sich nie festlegt: Ist dies nun ein Familiendrama? Steht die Magie der Musik im Vordergrund? Die höfischen Sitten im 18. Jahrhundert? De Rivaz schneidet all dies an und fügt es nicht wieder zusammen.
Nach "Mein Name ist Bach" hat man zwar allerhand erfahren über Friedrich, über seinen Frauenhass, über seine Psychosen. Auch über Bachs verworrene Familienzustände. Aber eben nur erfahren, nicht mitgefühlt. Ein rasanterer Plot mit Höhen und Tiefen, mit dramaturgischen Facetten wäre hier angebracht gewesen. Wie in Bachs Musik eben.
Jörg Scheller
08.04.2004 - aktualisiert: 08.04.2004 11:02 Uhr