Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 29.04.2004
Das Urteil
Die Waffenlobby auf der Anklagebank
Prozesse sind viel zu wichtig, um sie Geschworenen zu überlassen" sagt Rankin Fitch, dessen Spezialität es ist, Prozesse zu beeinflussen. Diesmal hat ihn die Waffenindustrie angeheuert, die von der Witwe des Opfers eines Amokläufers verklagt wird. Seine Gegenspieler: ein junges Paar, das auf Seiten der Opfer einen symbolschwangeren Präzedenzfall schaffen möchte.
Gary Fleder hat John Grishams Roman als eine Mischung aus Thriller und Kammerspiel inszeniert: Während Fitchs Machenschaften an einen visuell abgespeckten "Staatsfeind Nr. 1" gemahnen, regiert im Beratungsraum der Jury feine Psychologie. Eine prickelnde Kombination, die von brillanten Dialogen und starken Figuren lebt.
Gene Hackman spielt den eiskalten Fitch, der dem gegnerischen Anwalt Rohr (Dustin Hoffman) auf der Toilette auf den Kopf zusagt, dass auch er, der Idealist, all dies doch wegen des Ruhms und des Geldes tue. Rohr, binnen Sekunden moralisch entwaffnet, gerät völlig aus der Fassung, denn Fitch hat natürlich Recht - aber eben nur zum Teil.
John Cusack gibt Nick Easter, der sich in die Jury trickst und dort Fitchs Mann, einen Marine, ausbootet, als dieser Vorsitzender werden möchte: Easter schlägt einen blinden alten Mann vor, den niemand ablehnen kann - ein genialer Schachzug. Später provoziert er den anderen, bis dieser aus der Rolle fällt, offen zugibt, das Recht aufs Waffentragen sei ihm wichtiger als Menschenleben, und sich damit selbst disqualifiziert.
Easters Freundin Marlee (Rachel Weisz) kämpft derweil draußen mit harten Bandagen gegen Fitch und Co., doch als sie ihm zum ersten Mal gegenübersteht, verschlägt es der mutigen jungen Frau den Atem, weil ihr erst jetzt klar wird, mit was für einem gefährlichen Gegner sie sich eingelassen hat.
In all diesen Szenen, von starken Charakterdarstellern geprägt, überstrahlt die universelle menschliche Erfahrung die spezifische Situation. Und das ist nicht die einzige Stärke dieses Films, der auch die Doppelbödigkeit von Moral zeigt , das Taktieren als eigentliches Ziel, wie es in der Politik zum Normalfall geworden ist. Das ernsthafte Ringen um Argumente, um Wahrheit gar, spielt keine Rolle, sondern nur, wer die überzeugendere Illusion davon vortäuscht.
Der Zuschauer wird zum 13. Geschworenen. Und bald spürt er am eigenen Leib, dass die Aufgabe, solche Entscheidungen zu treffen, eigentlich zu groß ist, um sie Menschen zu überlassen.
Bernd Haasis
29.04.2004 - aktualisiert: 29.04.2004 11:12 Uhr