Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 29.04.2004
Das geheime Fenster
Grauen im Wald
Armer Johnny Depp. Erst keinen Oscar für seinen grandiosen karibischen Piraten und nun das. Da hockt er als Schriftsteller Mort Rainey ungekämmt in seiner Waldhütte, wo er wohnt, seitdem seine Frau einen Neuen hat, und stopft Chips in sich hinein. Ein seelisches Wrack, ein Mann auf der Kippe, den auch noch ein gespenstischer Fremder (eine Spur zu dramatisch: John Turturro) des geistigen Diebstahls an einer Geschichte bezichtigt.
David Koepps Film nach einer Novelle von Stephen King basiert auf einem nicht neuen, aber spannend initiierten Plot. Bald verschwimmt, was Rainey wirklich sieht und was er sich einbildet, und irgendwann geht es dem Zuschauer genauso. Das ist zunächst schön gruslig, doch allzu früh steigt ein Verdacht auf, der sich bewahrheitet, als alles in Mord und Totschlag versinkt.
Koepp bleibt strikt puristisch bei seinen Motiven, beschwört Hütte und Wald in bekannter Manier als Heimstatt des Grauens. Das wirkt bald reichlich bieder, gegenüber großen King-Verfilmungen wie Kubricks "Shining" ebenso wie gegenüber zeitgenössischen Meisterwerken wie "Memento". An Johnny Depp liegt das nicht, der seiner entrückten Rolle alles entlockte, was möglich war. Wünschen wir ihm also mehr Glück bei der Wahl seiner Filme.
Bernd Haasis
29.04.2004 - aktualisiert: 29.04.2004 11:16 Uhr