Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 04.05.2004
Before Night Falls
Heimweh nach der Freiheit
"Der Unterschied zwischen dem kommunistischen und dem kapitalistischen System ist der, dass sie uns zwar in beiden einen Arschtritt geben, aber im kommunistischen musst du Beifall klatschen, und im kapitalistischen darfst du schreien ..." Das schreibt der kubanische Schriftsteller Reinaldo Arenas, schwankend zwischen bitterem Zynismus und poetischer Schönheit.
Er hat beide Systeme gekannt. Nach entbehrungsreicher Kindheit in den 40er Jahren hegte er jugendliche Sympathien für die Rebellen, auf eine kurze Zeit der Freiheit, in der er seine schriftstellerischen Ambitionen wie seine Homosexualität ausleben konnte, folgte eine Zeit der Repressionen und des Leids, in der er verfolgt und inhaftiert.
Arenas flieht in die USA. Hier darf er schreiben und lieben, was und wen er will, doch er ist unglücklich, vermisst seine Heimat. Arenas lebt verarmt in New York und erkrankt an Aids. Fieberhaft sucht er sein letztes Werk, die Memoiren "Bevor es Nacht wird", zu vollenden. Es gelingt ihm, kurze Zeit später, im Jahr 1990, ist er tot.
Der New Yorker Maler Julian Schnabel, der bereits seinem Kollegen und Freund Jean Michel Basquiat ein filmisches Denkmal setzte, hat Arenas’ Leben und seine Poesie in ein cineastisches Kunstwerk übersetzt. "Before Night Falls" basiert auf den Werken des Autors und den Erinnerungen seines Freundes Làzaro Gómez Carriles, der zusammen mit Cunningham O’Keefe und Julian Schnabel das Buch geschrieben hat.
Schnabel lässt Bilder sprechen, illustriert mit ihnen die Worte Arenas’ aus dem Off. Oder er untermalt die Handlung allein mit Musik, zum Teil von Ennio Morricone, Beny More, Fairuz und Gustav Mahler zum Teil eigens komponiert von Carter Burwell, Lou Reed und Laurie Anderson.
Schnabel ist ein visuelles, erzählerisches und poetisches Meisterwerk um das Leben des Poeten, die Geschichte Kubas und um die Schönheit und Grausamkeit des Lebens gelungen. Javier Bardem in der Rolle von Arenas ist mitreißend. Und Johnny Depp, neben Sean Penn Stargast, legt gleich zwei prächtige Nummern auf die Leinwand: zum einen als schillernder Transvestit und zum anderen, als schriller Gegensatz, als schöner, sadistischer Leutnant.
Dieser Film ist eine Hymne. Und ein Muss.
Eva Maria Schlosser
04.05.2004 - aktualisiert: 04.05.2004 15:23 Uhr