Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 26.05.2004
The Day After Tomorrow
Die Eiszeit entlarvt den Menschen als Monster
Roland Emmerichs Film über die Klimakatastrophe
Stellen Sie sich vor, eine Eiszeit kommt über die nördliche Erdhalbkugel. Millionen US-Amerikaner fliehen nach Süden, doch am Rio Grande ist Schluss: Mexiko hat die Grenze geschlossen. Ein unrealistisches Szenario? Keineswegs, nur eines, das konsequent verdrängt wird, wie Roland Emmerich in seinem neuen Film "The Day After Tomorrow" eindrucksvoll vor Augen führt.
Zum ersten Mal denkt der schwäbische Regisseur, der in Hollywood mit Filmen wie "Independence Day" zu Weltruhm gelangte, konsequent zu Ende, was er zu Beginn als Frage in den Raum stellt. Er zeigt, wie Politiker die Warnungen der Klimaforscher der Wirtschaft zuliebe in den Wind schlagen, wie sich aus der Erwärmung die Katastrophe entfaltet, wie Flüchtlinge aus dem reichen Westen Asylsuchende in der Dritten Welt werden, vor der sie sich zuvor fein säuberlich abgeschirmt haben.
Dabei ist der Wahlamerikaner sich selbst treu geblieben. Wieder hat er eine kleine Familiengeschichte eingebettet in einen großen, mit mächtigen Spezialeffekten inszenierten Albtraum. Da toben mehrere riesige Wirbelstürme gleichzeitig über Los Angeles, reißen Menschen, Autos, halbe Wolkenkratzer hinfort, und das weltberühmte "Hollywood Sign" - auch dies ein feiner Seitenhieb auf die Selbstherrlichkeit.
Die computergenerierte Flutwelle schließlich überrollt nicht nur die Einwohner New Yorks, sondern auch die Zuschauer. Wenn das Wasser gefriert, die Stadt zum eisigen Massengrab wird, hat die Kälte auch den Kinosaal in ihren Klauen. Die Konsequenzen menschlicher Sorglosigkeit im Umgang mit irdischen Ressourcen und dem Klima, üblicherweise abgeschoben ins Reich des Theoretischen, gerinnen hier zu Bildern von erschreckender Wahrhaftigkeit.
Die Nähe zu uns selbst ist es, die "The Day After Tomorrow" von anderen Kino-Katastrophen unterscheidet. Anders als ein todbringender Meteorit ("Armageddon"), die drohende Herrschaft der Maschinen ("Matrix"), eine Invasoren aus dem All ("Independence Day") oder wieder belebte Urzeitechsen ("Godzilla") sind die Folgen des Treibhauseffektes ein höchst realistisches Szenario, in dem der Mensch selbst als maßloses Monster entlarvt wird.
Und Emmerich, dieser versierte Spieler auf der Klaviatur menschlicher Emotionen, flankiert sein Thema so routiniert mit Unterhaltungselementen, dass der Film publikumsfreundlich bleibt. Der Klimaforscher ist ein treusorgender Vater (Dennis Quaid), der sich nach New York aufmacht, um seinen Sohn (Jake Gyllenhaal) zu suchen. Dieser hat sich mit Freunden in der Bibliothek verschanzt, wo sie mit brennenden Büchern, den Zeugen des Wissens einer Welt von gestern, heizen. Immer wieder findet Emmerich Raum für lockernde Gags: Während die Bibliothekare ihre Schätze gegen die Flammen verteidigen, sagt ein junger Mann: "Ich habe ein paar Meter Steuerrecht gefunden, die können wir verfeuern." Und auch Spannung hat er zu bieten. Auf einem in die Straße gespülten und dann festgefrorenen Frachter suchen die Jungs Penizillin für die kranke Freundin, da bricht zuerst ein ausgehungertes Wolfsrudel über sie herein und dann auch noch das Auge des riesigen Hurrikans, das tödliche Kälte bringt.
Emmerichs Botschaft wird die Amerikaner nicht nur wegen der professionellen Machart erreichen. Ihm hilft vor allem der Charakter seines bisherigen Œuvres als Regisseur, mit dem er sich hier zu Lande nicht nur Freunde gemacht hat. Emmerich hat stets treu zu seiner Wahlheimat gehalten, in allen seinen Filmen von "Stargate" bis "Der Patriot" waren die Amerikaner die Helden der Geschichte. Er ist also gänzlich unverdächtig, alteuropäische Ressentiments zu bedienen, und er ist eben auch kein selbstkritischer Amerikaner wie etwa der Bush-Gegner Michael Moore.
Emmerich deckt nichts Neues auf, er setzt nur Bekanntes groß in Szene. Die Regierung Bush weigert sich mit Rücksicht auf die Wirtschaft tatsächlich, das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz zu ratifizieren. Im Film erklärt am Ende der Vizepräsident, der dem echten erstaunlich ähnelt, dass er einen Fehler gemacht hat - und Mexiko nimmt die Flüchtlinge auf.
Ein klein bisschen happy ist das End also doch. Und das unterscheidet Emmerich von europäischen Filmemachern. Für glühende Patrioten, die die Menschheit retten, mag in "The Day After Tomorrow" kein Platz sein. Für eine frohe Botschaft von positivem Denken und gemeinsam angepackten Herausforderungen aber schon. Im Herzen ist das "Spielbergle aus Sindelfingen" eben doch Amerikaner.
Bernd Haasis
26.05.2004 - aktualisiert: 26.05.2004 10:47 Uhr