Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 27.05.2004
Die Mitte
Wie sie im anderen Europa leben
Zwischen Nordkap und Griechenland, Portugal und Russland muss sie liegen, die Mitte Europas. Wer sich auf die Suche begibt, macht eine erstaunliche Entdeckung: Etliche Orte in Deutschland, Österreich und Osteuropa reklamieren sie für sich. Der Regisseur Stanislaw Mucha, der zuletzt in "Absolut Warhola" in der Slowakei nach den Wurzeln Andy Warhols suchte, hat sich mit der Kamera aufgemacht.
Liegt die Mitte Europas in Essen, bei den Externsteinen im Teutoburger Wald, in einem Garten voller Zwerge, von denen einer den besagten Punkt markiert? Oder in Braunau, Österreich, wo Japaner das Geburtshaus Hitlers fotografieren und der Wirt des Gasthauses Mittelpunkt Europas, der sich auf Napoleon beruft, bedauert, dass der prominente Sohn der Stadt die Touristen insgesamt eher abschreckt? Oder liegt die Mitte in einem Kirchturm im slowakischen Krahule, wo der Mönch ein Kreuz auf Muchas Europakarte machen darf und fragt: "Was sind die anderen Kreuze?"
In Polen gibt es gleich mehrere Steine, die angeblich das Zentrum des Kontinents markieren, sowie eine Kuhle in einem Feld, aus der der Stein irgendwann abhanden gekommen sein soll. In Litauen herrscht Mangel. "Soll ich alles schönreden? Wir leben gut hier, in den Läden gibt es viele Produkte", sagt einer. "Nur haben wir kein Geld. Und keine Arbeit." Doch die Litauer nehmen’s mit Humor, und die Mitte Europas betrachten sie gelassen: "Erst haben sie alles vermessen, dann wurde der Stein abgeladen, und dann kam der Bischof", sagt eine Frau. Am Berg der Kreuze, einer Pilgerstätte, soll gar der Papst selbst das Zentrum des Kontinents ausgerufen haben. Kaum zu glauben, dass dieses Litauen, wie Mucha es zeigt, nun Teil der EU sein soll.
Je weiter der Filmemacher nach Osten kommt, desto mehr hat er sich treiben lassen, desto mehr gewinnen Eindrücke von Menschen und Orten irgendwo im Nirgendwo die Oberhand. Dort, wo man in Deutschland den Rand des Kontinents vermutet, der in Wahrheit bis zum Ural reicht, leben die Menschen wirklich an der Kante.
Im westukrainischen Rachiv, das seit 1887 die Mitte für sich beansprucht, hat der Fluss die Brücke weggespült, gibt es kaum Jobs und mangels Gas im Winter keine Heizung. "Die Perestroika funktioniert am besten mit einem Joint", singen Jugendliche, und alle stellen mittelpunktbewusst die Uhren zwei Stunden vor - nach mitteleuropäischer statt nach ukrainischer Zeit.
So skurril viele Szenen sein mögen, so kauzig die Leute wirken, so sehr verliert der Film sich nun in scheinbar zufälligen Impressionen aus einem postsowjetischen Elend, in dem sich Menschen trotzdem häuslich eingerichtet haben. Etwas zu lange verharrt Mucha bei der herzigen Kioskbesitzerin und ihren kleinen Geschichten, so charmant sie sein mögen, und überreizt sein Konzept ein wenig: beiläufig ein ganz anderes Europa zu zeigen als das fette des Westens.
Sehenswert ist "Die Mitte" dennoch. Auf dem Rückweg trifft der Regisseur an einem der Steine ein Schweizer Paar mit einem Satelliten-Peilsystem, das die Koordinaten des kontinentalen Zentrums exakt ortet - unmarkiert mitten im litauischen Urwald, wo weder Napoleon noch der Papst je ihren Fuß hingesetzt haben.
Bernd Haasis
27.05.2004 - aktualisiert: 27.05.2004 10:38 Uhr