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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 01.07.2004

Feel Like Going Home

Jazz an den Ufern des Niger

Drei Männer in schäbigen Anzügen tanzen tief gebeugt zu der Musik, die sie selbst machen: Einer bläst auf einer hölzernen Querflöte atemlos traurige Töne, die anderen beiden schlagen dazu auf Trommeln ein. Erschöpft sinkt der Flötenspieler zu Boden, setzt seinen Hut ab und spielt wie unter Zwang weiter die Musik, die die schwermütige Melodik des Blues mit der trancehaften Rhythmik afrikanischer Tänze verbindet.

Dass Martin Scorsese seine Bluesdokumentation "Feel Like Going Home" mit dieser Archivaufnahme beginnt, ist kein Zufall. Die Szene führt zum Kern seines Anliegens: der Suche nach dem Ursprung des Blues. Und der liegt für ihn in Afrika. Peter Guralnicks Drehbuch macht den jungen Blueser Corey Harris zum Protagonisten des Films. Harris reist zum Mississippi-Delta und ins westafrikanische Mali an die Ufer des Niger, unterhält sich mit Musikern wie Sam Carr, Otha Turner (der kurz nach den Dreharbeiten 95-jährig gestorben ist), Taj Mahal oder Ali Farka Touré. Häufig münden die Gespräche in Blues-Sessions. Es ist ein Trip auf den Spuren von John und Alan Lomex, die in den Dreißigern durch die USA reisten und tausende Blues-Stücke für die Nachwelt konservierten.

Der Regisseur präsentiert mit "Feel Like Going Home" eine Arbeit des von ihm selbst produzierten Blues-Projekts, das aus sieben Dokumentationen und einem Konzertfilm besteht, bei denen namhafte Regisseure ihren Zugang zum Blues ausdrücken. Wim Wenders’ "The Soul of a Man", Richard Pearces "The Road to Memphis" liefen bereits, im August folgt Antoine Fuquas Konzertfilm "Lightning in a Bottle". Scorsese verknüpft aktuelle Aufnahmen mit historischen Bild- und Tondokumenten von John Lee Hooker, Son House, Muddy Waters, Lead Belly oder Johnny Shines. Er beweist seine filmische Raffinesse, wenn er etwa zeigt, wie Taj Mahal den klassischen Zwölftakter "Rollin’ Stone" spielt, und dann in eine Originalaufnahme von Muddy Waters überblendet. Und es gelingt ihm, die Ausdrucksformen und Poesie des Blues in Filmbilder zu übersetzen. Sein Versuch, die Wurzeln des Blues nach Afrika zurückzuverfolgen, überzeugt - obwohl in der Sache richtig - filmisch nicht, der Film wirkt bemüht und thesenhaft.
 

Gunther Reinhardt

01.07.2004 - aktualisiert: 01.07.2004 10:55 Uhr

 


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