Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 08.07.2004
The Five Obstructions
Der listige Patient
Ein Spiel: "The Perfect Human" heißt ein Kurzfilm, den Jørgen Leth 1967 gedreht hat. Zigmal hat Lars von Trier diese Meditation über die Frage, was und wie ein perfekter Mensch wohl sei, gesehen und bewundert. "Eine kleine Perle, die wir jetzt zerstören. Eine echte Perversion", sagt von Trier an einem Tag im Jahr 2000 zu seinem Mentor Leth, und sie lachen. "The Perfect Human" ist Grundlage für fünf neue Filme, die Leth drehen soll, jedes Mal gibt Lars von Trier Regeln für den jeweiligen Dreh vor.
"The Five Obstructions" zeigt Teile des Films von 1967, die Gespräche, Dreharbeiten und die neuen Filme. Man beobachtet also Lars von Trier, wie er dasitzt, herumschaut; seine Augen blitzen, werden ganz klein, und man merkt ihm an, dass er sich wahnsinnig freut, weil ihm wieder ein ziemlich exzentrischer Befehl eingefallen ist: "Du drehst am trostlosesten Ort, den du kennst, aber du darfst ihn nicht zeigen. Und du musst selbst die Hauptrolle spielen!", sagt er zum Beispiel. Leth behält die Contenance und lächelt. Er zieht los und stellt in einem Nuttenviertel in Bombay in einer Straße einen fein gedeckten Tisch auf, setzt sich hin und isst, und hinter einer transparenten Wand stehen die Menschen und gaffen. Als er mit dem fertigen Film wiederkommt, sie ihn gemeinsam anschauen, Kaviar essen, Wodka trinken und Lars von Trier streng sagt "Du hast die Vorgaben nicht erfüllt, man sieht den Ort. Du musst zurückfahren und nochmal drehen", da gefriert Leths Lächeln kurz, und er sagt lässig: "Nein, das mache ich nicht."
Neben Stilübungen, Leths listigen Lösungen der Vorgaben, zeigt das Experiment, dass die Lust am Filmemachen weniger aus dem Erzählen des Abenteuers besteht, als aus dem Abenteuer des Erzählens. Natürlich ist "The Five Obstructions" auch eine fabelhaft inszenierte Künstlerfreundschaft und ein Machtspiel, wenn von Trier impertinent freundlich den Therapeuten spielt, von Leth verlangt, seinen Abstand zu Dingen und Figuren abzulegen, die Moral des Betrachters zu prüfen und vom Perfekten zum Menschen zu kommen, und sein vermeintlicher Patient doch macht, was er will, nämlich Kunst.
Nicole Golombek
08.07.2004 - aktualisiert: 08.07.2004 10:46 Uhr