Suche nach Kinofilmen
 
 



Kino-Termine

Dieser Film läuft in folgenden Kinos

 

 

Vorschau ]

zurück


Drucken Versenden
Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 28.07.2004

Fahrenheit 9/11

Denn sie wissen ganz genau, was sie tun

Der Dokumentarfilmer Michael Moore stellt in seinem neuen Film die Regierung Bush an den Pranger
 

Sie vertraue ihm, er wisse schon, was er tut, sagt Sexsymbol Britney Spears im Brustton der Überzeugung über den konservativen Präsidenten George W. Bush. Das klingt nicht nur amerikanisch paradox, sondern angesichts dessen, was Michael Moore sonst noch zeigt in seinem Dokumentarfilm "Fahrenheit 9/11", wie blanker Hohn: Der Streifen, der am Donnerstag anläuft, ist eine pointierte, schonungslose Abrechnung mit der Politik der Regierung Bush.

Moore bebildert viel von dem, was er in seinen Büchern "Stupid White Men" und "Dude - Where’s My Country?" ausgeführt hat - etwa die dubiosen Umstände, unter denen Bush die Präsidentschaftswahl gewann. Moore fördert auch milliardenschwere Verstrickungen der Saudis ins texanische Ölgeschäft zu Tage, in dem - abenteuerlich! - die Familien Bush und bin Laden einander näher gekommen sein könnten. Und er geißelt die Einschränkung der Bürgerrechte durch den "Patriot Act" nach dem 11. September, führt eine kleine Friedensinitiative in Fresno vor, die von einem V-Mann unterwandert wurde. Auf der Suche nach dem Grund für den Irak-Krieg stößt er auf militärisch abgeriegelte Ölquellen, an denen texanische Ölbohrspezialisten arbeiten.

So entsteht das Bild einer kleinen Machtelite, die, unterstützt von großen Firmen und umgeben von einer gigantischen Propagandamaschine, ohne Rücksicht auf Verluste wirtschaftliche Interessen verfolgt. Der Präsident wirkt darin wie ein großer Junge im Schatten der alten Weggefährten seines Vaters, der Falken Cheney und Rumsfeld. Minutenlang sieht man ihn regungslos beim Kindergartenbesuch ausharren, obwohl er weiß, dass das zweite Flugzeug ins World Trade Center eingeschlagen ist. Die markigen Sprüche danach ("We’ll smoke ’em out of their holes") entlarvt der Filmemacher als Westernfilm-Rhetorik.

Moore bedient sich gewitzter Fragen, ironischer Kommentare und rasanter Schnitte. Dass er dabei auch kombiniert, was nicht zusammengehört, und Zusammenhänge suggeriert, die Bilder und Aussagen nicht decken, ist Teil der Provokation. Die Gegenseite hat angebissen, Moore-Kritiker zerpflücken das Werk akribisch, doch sie laufen mit ihrem Feilschen um Fehler im Detail ins Leere: Dem Sarkasten Moore geht es mitnichten um chronistische Akkuratesse, er möchte wachrütteln, Stimmung machen, den Botschaften der Regierung seit dem 11. September etwas entgegensetzen.

Dass der Film in den USA schon kurz nach dem Start am 4. Juli zum erfolgreichsten Dokumentarfilm aller Zeiten aufstieg, liegt vor allem daran, dass Moore zeigt, was die Medien nicht zeigen dürfen in einem Land, in dem heute schon als Verräter gilt, wer die drastischen Maßnahmen gegen den Terrorismus für ein wenig übertrieben hält: Junge GIs und Marines im Irak, die beim Kampfeinsatz aggressive Rockmusik vorantreibt, fragen nach dem Warum, dem Wie- lange-noch und wie es zu den Folterungen kommen konnte. Verstümmelte Veteranen, die Arme und Beine im Irak gelassen haben, suchen ebenso verzweifelt nach einem Sinn wie die Mutter eines Gefallenen. In diese Gemengelage hinein erklärt Michael Moore seine Definition von Patriotismus: Soldaten nur in Kriege zu schicken, die gut begründet und unvermeidlich sind. Das bringt dem Film Sympathien von einer Seite, die die Republikaner bislang fest in ihrer Hand wähnten - Mitglieder des Militärs und ihre Angehörigen strömen in den Film und entdecken ausgerechnet Moore als ihren Anwalt.

Der stellt in der ihm eigenen Logik fest, dass die meisten Soldaten aus einfachen Verhältnissen stammen, die kleinen Leute also wieder einmal die Last des Krieges tragen. Er zeigt schnittige Rekrutierungsoffiziere, die am Einkaufszentrum arbeitslose junge Männer für den Krieg anwerben - während der Filmemacher selbst vor dem Kapitol in Washington erfolglos Kongressabgeordnete auffordert, als Signal ans Volk ihre eigenen Kinder in den Irak zu schicken.

Die letzte Provokation schließlich: Vorkriegsbilder aus dem Zweistromland, spielende Kinder, lachende Frauen, aber kein Hinweis auf Saddams Gräueltaten. Stattdessen amerikanische Bombardements, tote Zivilisten, Racheschreie. Und dann Donald Rumsfeld auf einer Pressekonferenz, der zynisch von "menschlichen Waffen" spricht. Wer das hört, wird es fürderhin schwer haben, diesem Mann zu vertrauen - denn der weiß nach Jahrzehnten im Zentrum der Macht ganz genau, was er tut.

Und da ist es wieder, das amerikanische Paradoxon. Während ein Konservativer radikale Mittel schönredet, plädiert Michael Moore, der unverschämteste Agent provocateur des zeitgenössischen Dokumentarfilms, unter der wilden Oberfläche ganz moderat für eine Rückbesinnung auf Bewährtes: eine Innenpolitik im Sinne der Menschen, eine Außenpolitik im Schoße der Völkergemeinschaft. Kein Wunder, dass er dafür im alten Europa, beim Filmfestival in Cannes in diesem Frühjahr, mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.
 

Bernd Haasis

28.07.2004 - aktualisiert: 28.07.2004 11:11 Uhr

 


Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise