Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 12.08.2004
Liebe mich, wenn du dich traust
Neckerei unter Nachbarskindern
Mit einer Blechdose fing alles an. Seit ihrer frühesten Kindheit wetteifern Julien und Sophie um das gute Stück. Tagtäglich stellen sie sich gegenseitig neckische Aufgaben. Stets unter der Devise: Kneifen gilt nicht. Da muss dann schon mal dem Schulleiter vor die Füße uriniert oder mutwillig die Hochzeitstorte der großen Schwester umgeworfen werden. Was im Jugendalter als harmlose Neckerei unter Nachbarskindern begann, ist mit der Zeit zu einem immer perfideren Spiel ausgeartet. Mittlerweile traktieren sich die beiden als Erwachsene bis weit über die psychische und physische Schmerzgrenze hinaus. Nur eines haben sie in all den Jahren nie geschafft - sich gegenseitig ihre Liebe zu gestehen.
Die französische Komödie "Liebe mich, wenn du dich traust" ist ein erstaunlicher Film über das Erwachsenwerden und die Liebe. Erstaunlich deshalb, weil die beiden Protagonisten, wunderbar gespielt von Guillaume Canet und Marion Cotillard, zu keiner Zeit ihren kindlichen Spieltrieb ablegen und ein ganzes Leben brauchen, nur um einmal "Ich liebe dich" zu sagen. Ihre Zuneigung wird als infantiles und zugleich lebensgefährliches Wettspiel dargestellt. Im Verlauf des Films degeneriert ihre Beziehung zu einer höchst fragwürdigen Form der gegenseitigen emotionalen Abhängigkeit. Je stärker diese wird, desto mehr kapseln sie sich von ihrem übrigen Umfeld ab. Die Lebensweisheit: "Was sich liebt, das neckt sich", wird hier auf eine höchst bizarre Spitze getrieben. Und genau das macht den Reiz dieser ungewöhnlichen Romanze aus.
Der Handlung entsprechend inszenierte der Franzose Yann Samuell sein Regiedebüt auch äußerst verspielt. Die Dialoge durchzieht stets ein infantiler Unterton. Die bunten Farbfilter variieren genauso häufig wie die technischen Stilmittel.
Von den Bildern her lehnt sich die Liebesgeschichte sichtbar an französische Kinoerfolge wie "Die fabelhafte Welt der Amélie" (2001) an. Inhaltlich entfaltet sie zwar nicht ganz dessen Zauber, doch das verhängnisvolle Liebesspiel von Julien und Sophie ist dennoch elektrisierend und äußerst sehenswert.
Oliver Zimmermann
12.08.2004 - aktualisiert: 12.08.2004 11:07 Uhr