Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 02.09.2004
Oldboy
Die schmerzhafte Ästhetik der totalen Rache
Wie weit gehen Menschen? Und wie viel halten sie aus? Der koreanische Regisseur Chan-wook Park hat nach Antworten gesucht und ist zu einem ähnlich erschreckenden Ergebnis gekommen wie vor ihm schon Michael Haneke ("Funny Games"), Oliver Stone ("Natural Born Killers") oder Stanley Kubrick ("Uhrwerk Orange").
Da wird einer 15 Jahre lang in eine Zelle eingesperrt, weil er einst achtlos ein Gerücht über eine Inzest-Geschichte in die Welt gesetzt und damit einen Freitod verschuldet hat. Kaum wieder frei, sinnt er auf brutalstmögliche Vergeltung, doch sein Peiniger lässt nicht nach und zelebriert einen Psycho-Sadismus, der seinesgleichen sucht. In Asien, davon zeugen ultrabrutale Yakuza-Filme wie Takeshi Kitanos "Brother", speist sich der Blutrausch aus Traditionen wie Ehre und Familie sowie tief empfundenen Emotionen - ein explosiver Mix, in dem der Mensch tatsächlich des Menschen Wolf wird, wie es schon Thomas Hobbes ahnte.
Und Park nähert sich seinen Blutwölfen, so weit er nur kann. Wie schon in "Joint Security Area" (2001), wo sich Grenzsoldaten über die innerkoreanische Demarkationslinie hinweg anfreunden, arbeitet er psychologische Mechanismen, Gefühle und ihre Ausbrüche punktgenau heraus, und diesmal werden die Schauspieler inmitten der Unwirtlichkeit eines tristen urbanen Daseins von fundamentalen Emotionen geradezu zerrissen. So glaubwürdig und nachvollziehbar, dass sich niemand mehr wundert, wenn ein Mann anstürmende Gegner mit einem Hammer schwer verletzt oder wenn er einen Tintenfisch ganz in den Mund stopft.
Virtuos lässt Park Szenen ineinander gleiten, nahezu jede Kameraeinstellung hat Foto-Qualität, wenn auch die meisten am ehesten ins Archiv des Morddezernats passen würden. Bemerkenswert auch die Kulisse: Die Zelle ist eine verwahrloste Einzimmerwohnung, in der schon ein Tag schmerzen muss - 15 Jahre sprengen die Vorstellungskraft. Der Peiniger hingegen wohnt in einer makellos gestalteten Halle in einem Glas-Stahl-Beton-Palast. Wenn er aus der Designer-Dusche steigt, beginnt der Zuschauer zu frösteln: In diesem Ambiente möchte man nicht nackt und nass sein.
Park setzt seine perfekte Ästhetik konsequent ein. Wenn die Kamera knapp neben den Kopf des Mannes schwenkt, der die Schere an seiner herausgestreckten Zunge angesetzt hat, hört der Zuschauer nur das Schnittgeräusch und schmerzvolles Stöhnen. Das Bild dazu aber ist nun nicht mehr in sicherer Distanz auf der Leinwand, sondern entsteht direkt im eigenen Kopf. Und noch schlimmer: Die Gewalt ist keineswegs sinnlos, sondern von ausgeklügelter Symbolik - da sucht einer Sühne für sein achtloses Geschwätz und möchte die schrecklichen Konsequenzen für immer in sich begraben.
Große Filmkunst, kein Zweifel; doch jeder potenzielle Kinogänger muss sich ernsthaft fragen, ob er sich ihr aussetzen möchte, denn das Zuschauen schmerzt. Wer den Film dennoch anschaut, wird ihn nicht so schnell wieder vergessen.
Bernd Haasis
02.09.2004 - aktualisiert: 02.09.2004 10:54 Uhr