Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 02.09.2004
Anything Else
Wenn Menschen und Sprache einander fremd bleiben
Jungstars neu gesehen: Jason Biggs und Christina Ricci spielen die Hauptrollen in Woody Allens neuem Film
Eine Paraderolle für Woody Allen: Ein junger Autor mit einer lebenslustigen Freundin, die mit allen schläft, nur nicht mit ihm, einem eloquenten Agenten, der fürstliche Prozente kassiert, aber keine Aufträge bringt, einem sprachlosen Seelenklempner und einem besten Freund Ende 60, der ihn im New Yorker Central Park mit obskuren Lebensweisheiten zuschaufelt.
Zumindest für den jüngeren Woody Allen, wie er in den 70er Jahren in "Der Stadtneurotiker" und "Manhattan" zu sehen war. Sein jüngster Film "Anything Else" wirkt wie frisch aus der Zeit, als er den New Yorker Markenzeichen den sarkastisch sich selbst hinterfragenden urbanen Intellektuellen hinzufügte, der permanent in neurotischen Selbstzweifeln versinkt. Neu ist, dass Allen diesmal eine Angleichung an den Zeitgeist versucht und die Hauptrollen an Jungstars vergeben hat. Er selbst, seinem Alter gemäß, übernahm lieber die Nebenrolle des Mentors.
Ausgerechnet Jason Biggs hat er als Protagonisten ausgewählt, der mit der schlüpfrigen Jugendkomödie "American Pie" berühmt wurde. Die Frau an seiner Seite, in den 70er Jahren ideal besetzt mit Diane Keaton, spielt Christina Ricci, die zuletzt als Ausreißerin in dem Drama "Monster" eine exzellente Vorstellung gab.
Federleicht kollidieren diese beiden in einer charmanten Großstadtgeschichte über die Liebe, die Arbeit, die lieben Verwandten und andere Widrigkeiten des Lebens. Der Jungautor unterschätzt sich selbst, kann sich nirgends durchsetzen und sucht nach Sinn, während seine promiskuitive Freundin, eine chaotische Lebefrau, ihm rhetorisch brillant erläutert, wieso ihre Seitensprünge die Beziehung ein ums andere Mal retten und neu befeuern.
Allen selbst spielt einen, der das alles längst hinter sich hat - womöglich eine Anspielung auf das richtige Leben. Also gibt er seinem Schüler Erfahrungen und Weisheiten weiter und drängt ihn schließlich gar zu einem Tapetenwechsel: Er soll die Frau aufgeben, den Agenten feuern, New York verlassen und einen Job in Kalifornien annehmen - ausgerechnet im Showbiz-verseuchten Kalifornien, das Allen stets verachtet hat. Vielleicht ein Moment autobiografischer Wehmut, des melancholischen Zurückblickens eines überzeugten New Yorkers, der seine Figur ansonsten ganz untypisch angelegt hat: als komischen Kauz, der ein rotes Cabrio fährt, Parkplatzklauern das Auto mit dem Baseballschläger demoliert, für Feuerwaffen und Überlebenssets plädiert, seinem naiven Schüler aber auch zu bedenken gibt: "In Auschwitz haben sie den Leuten auch gesagt, sie gingen zum Duschen."
Nur in solchen Momenten erkennt man Woody Allen, allzu oft aber steht er buchstäblich neben sich - auch, weil Biggs ja seine eigentliche Rolle spielt. Dieser aber ist eine klassische Fehlbesetzung: Seine Figur bleibt ein ehrfürchtiges Allen-Abziehbild ohne charakterliche Tiefe, die intellektuelle Sarkasmen kommen ihm hölzern über die Lippen, als habe er sie mit Mühe auswendig gelernt. Und zu keinem Zeitpunkt glaubt man diesem jungen Mann, dass er an einem Roman über den Tod, menschliches Leiden und die Leere des Universums arbeitet. Christina Ricci verkörpert zumindest erfolgreich die promiskuitive junge Frau, aber auch sie redet weit geschliffener, als man es der unbeschwerten Herumtreiberin auf der Leinwand zutrauen würde.
Keinem der beiden Jungschauspieler kann man ein Scheitern vorwerfen - sie sind schlichtweg im falschen Film gelandet. Sie und ihr Regisseur sprechen offensichtlich nicht dieselbe Sprache, Allens Text und die jungen Menschen bleiben einander fremd. Und so können unverwechselbare Gags ("Ich könnte mich umbringen, aber ich habe so viele Probleme, dass selbst das nicht alle lösen würde"), witzige Slapstickeinlagen, eine schrille Muttertype und Danny de Vito als sehr überzeugende Labertasche von einem Agenten nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Film Stückwerk geblieben ist, eine Nummernrevue.
Dass die an sich stringente Geschichte auseinander fällt, liegt nicht nur an den überforderten Akteuren, sondern auch an der pseudorealistischen Inszenierung für die Leinwand. Stärker abstrahiert, zum Beispiel von einer Theatergruppe auf eine Off-Broadway-Bühne gebracht, würde sie wahrscheinlich funktionieren. Im Kino aber, wo unlängst "Starsky & Hutch" parodiert wurde, ist die ernsthafte Lebensanalyse mit den Maßstäben der 70er Jahre wohl endgültig vorbei - selbst für Woody Allen.
Bernd Haasis
02.09.2004 - aktualisiert: 02.09.2004 11:06 Uhr