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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 09.09.2004

Casomai

Plädoyer für die Liebe

Wann immer Promis heiraten, ist das die Hochzeit des Jahres. Für Otto Normalkinogänger war’s meist ’ne Nummer kleiner. Und gefragt, warum er nicht heirate, sagt der Junggeselle (auch so ein Wort, das schon fast aus der Mode gekommen ist): "Ich habe eine Reis-Allergie ..."

Stefania und Tommaso kennen keine Reis-Allergie. Das Paar aus Mailand lebt modern, aber romantisch, ergo wird in einer idyllisch gelegenen Dorfkirche Hochzeit gefeiert. Na ja, fast. Denn der junge Priester räsoniert jovial-rigoros wie ein später Nachfahr Don Camillos, geht keiner Wertediskussion aus dem Weg und stellt angesichts ebenso zahlreich wie erwartungsfroh erschienener Verwandter, Bekannter und Freunde die ganze Zeremonie in Frage.

Wo soll das enden, gibt er zu bedenken, wenn der Alltag das junge Glück überschattet? Wenn Single-Freunde sich zurückziehen, wenn Aufträge vom Chef an Ungebundene gehen, Windelgeruch durchs Haus zieht und Großeltern alles besser wissen? Er malt mit resignativen Strichen ein scheidungsstatistikengestütztes Gemäl- de des Eheverlaufs - Liebe und Leidenschaft bleiben auf der Strecke, zerrieben in der Mühle der Tag-für-Tag-Routine. Zumal das Single-Dasein eh besser sei, wirtschaftskonjunkturell gesehen: Was Paare gemeinsam nutzen, kaufen Singles zweimal - seien es Bügeleisen oder Geschirrspüler.

Die Hochzeitsgäste sind konsterniert: Was soll das denn nun? Ein Pfarrer, der den eigenen Job mies macht? Nicht ganz: Als Alter Ego des Regisseurs Alessandro D’Alatri will er mit der alten, aber listig neu erzählten Geschichte erreichen, dass die Leute über den Treueschwur nachdenken. "Casomai" heißt der Film - der Titel "Eventuell" ist hier Programm - mokiert sich heiter-dramatisch und für junge Paare sehr nachvollziehbar über die allzu lockere moderne Art, Beziehungen verschleißen zu lassen.

Wer in den 60er Jahren in Heidelberg ins Theater ging, wird die Darstellerin der leicht dementen Großmutter erkennen und sich über das Wiedersehen freuen: Andrea Jonasson, Witwe des Teatro-Piccolo-Leiters Giorgio Strehler, ist so glaubwürdig und menschlich anrührend wie das ganze Ensemble in diesem schönen Plädoyer für einen ernsthafteren Umgang mit der Liebe. Und wenn am End doch noch die Glocken läuten, ist das für (garantiert!) nachdenklich-glückliche Zuschauer mit Sicherheit die Hochzeit des Jahres.
 

Peter Kreglinger

09.09.2004 - aktualisiert: 09.09.2004 11:30 Uhr

 


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