Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 23.09.2004
Collateral
Schillernder Killer
Verschlossene, von den eigenen Aggressionen geplagte Männer liegen ihm einfach. Während Tom Cruise als Weltenretter mitunter ein wenig eindimensional wirkt, gewinnt er in düsteren Rollen ungeahnte Tiefe. Unvergessen sein grandioser Auftritt als Männertrainer-Macho in "Magnolia", der frustrierten Geschlechtsgenossen beibringt, wie Mann sich zumindest einreden kann, er brauche die vermaledeite Weiblichkeit gar nicht. Klar, dass dann ausgerechnet eine Frau diesen unangenehm harten Kerl total aus der Fassung bringt.
Nun spielt Cruise den Killer Vincent. Grau meliert, smart, elegant und vollkommen desillusioniert treibt er durch ein Leben, von dem er nichts erwartet, mordet mit maschinenhafter Präzision und zeigt nie den geringsten Skrupel. Natürlich ist das nur die halbe Wahrheit, denn immer ist unterschwellig auch das Ringen eines gebildeten, kultivierten Menschen mit seinem unwürdigen Dasein zu spüren, der erbarmungslos durchzieht, worauf er sich selbst einst unwiderruflich eingeschworen hat.
Was könnte dieser hochintelligente, athletische Mann nicht alles bewegen und schaffen, wenn er nur wollte - dieser Widerspruch, diese Zerrissenheit schwingt immer mit bei Cruise: Sein Vincent ist ein ebenso harter wie schillernder Killer, der Los Angeles dafür hasst, dass sich niemand um den anderen schert - nicht mal, wenn er tot ist.
Zum Prüfstein für Vincent wird ein Taxifahrer, den er für die ganze Nacht anheuert. Der Cabby Max ist ein höflicher und einfühlsamer Mann, der von einer Insel und einem eigenen Limousinen-Verleih träumt. Der elegante Dauerkunde bricht in seine kleine Welt ein und hebt sie binnen kurzer Zeit völlig aus den Angeln - nicht nur, weil schon beim ersten Stopp eine Leiche durchs Fenster direkt auf sein Taxi fällt. Vincent, der für einen Drogenboss Ankläger und Zeugen in einem gegen ihn laufenden Prozess beseitigt, führt Max auch schmerzhaft vor Augen, dass seine großen Pläne nur Träumereien sind: "Irgendwann wachst du auf und merkst, dass es zu spät ist." Doch der Cabby, den Jamie Foxx ("Any Given Sunday") als sanften, ungelenken Traumtänzer spielt, wächst an der schwierigen Situation.
Mit dem Zusammenprall der gegensätzlichen Charaktere hat Michael Mann ("The Insider") seinem ausgeklügelten Thriller eine melodramatische Dimension gegeben und diese organisch in die Dramaturgie eingebettet. Hier wird nicht nur geschossen und gerast, hier geht es um lebende Menschen und nachvollziehbare Schicksale. Zugleich ist die Handlung atemberaubend inszeniert. In einem vollen Club erledigt Vincent in scheinbar aussichtsloser Lage sein Opfer, obwohl eine Übermacht von Leibwächtern und ein Großaufgebot der Polizei, behindert durch die vielen Gäste, gegen ihn stehen. Dass ihm dann auch noch die Flucht gelingt, ohne dass das unglaubwürdig wirken würde, das ist hohe Kunst in Sachen Action-Kino.
Mann zeigt ein böses L. A. voller verkommener Subjekte, das Vincents zynische Abneigung gegenüber der Stadt zu bestätigen scheint. Erst der Morgen offenbart, was die finstere Nacht gebracht hat: Es ist einer aufgewacht, der ohne sie wohl seine Zukunft verschlafen hätte.
Bernd Haasis
23.09.2004 - aktualisiert: 23.09.2004 15:03 Uhr