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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 21.10.2004

5x2

Die romantische Liebe, Wunder und Trugbild

Der Titel ist Programm: Fünf Szenen einer Liebe zeigt dieser Film, beginnend mit der Scheidung und dann chronologisch rückwärts bis zu dem Moment, in dem Marion (Valeria Bruni-Tedeschi) und Gilles (Stéphane Freiss) sich im Italienurlaub finden. Ein ebenso erstaunlicher wie simpler Kniff, mit dem Frankreichs Regie-Wunderkind François Ozon ein Happy Beginning an den Schluss setzt, also ein Happy End kreiert, wo es keines geben dürfte.

Der Film spielt überall dort, wo Paare leben, die sich verlieben, heiraten, Kinder zeugen. Ozons Projektionsfläche ist seine anmutige Protagonistin: Aus ihrem Tonfall spricht das ganze Menschsein, in ihrem Gesicht lässt es sich lesen - Höhen und Tiefen, Alltagsfrust und ekstatische Lust. Der Exzentriker Ozon dividiert beides unvorstellbar weit auseinander, um es gleichzeitig als folgerichtige Teile eines großen Ganzen erscheinen zu lassen.

So entsteht und verdichtet sich ein Paradoxon aus Stimmungen und Begebenheiten, die so schräg sind, wie es nur das Leben sein kann. Gleich zu Beginn lassen sich die beiden scheiden. Im Anschluss gehen sie in ein Hotel, um noch einmal miteinander zu schlafen, was in eine Art Vergewaltigung mündet, in der trotzdem das Opfer die Macht behält - eine kunstvolle Inszenierung.

Auch sonst ist wenig so, wie die Oberfläche vermuten lässt: Sie hat ihn ermutigt, an einer Orgie teilzunehmen, und zugeschaut, wie er es genossen hat, sie zu betrügen; er lässt sie alleine im Krankenhaus liegen, nachdem sie das gemeinsame Kind geboren hat - der männliche Fluchtreflex auf die Spitze getrieben; nach ihrer vor Glück überbordenden Hochzeitsfeier, die er im Alkoholrausch beschließt, geht sie auf einen nächtlichen Spaziergang - und trifft enthusiasmiert und strahlend, wie es nur frisch vermählte Bräute sind, einen Amerikaner, der sie mit sanfter Gewalt verführt. Nachher flüstert sie ihrem schlafenden Ehemann ins Ohr: "Ich liebe dich! Ich liebe dich!", als habe der Seitensprung sie nur bestärkt.

Ganz und gar glaubwürdig sind all diese Szenen, mit feiner Psychologie entlarvt Ozon die Mechanismen menschlicher Unzulänglichkeiten, führt vor, wie machtlos das Korsett gesellschaftlicher Konventionen im Ernstfall ist. Dabei gelingt ihm unter dem Deckmantel einer intellektuellen, bürgerlichen Oberfläche beides: das Wunder der romantischen Liebe zu zelebrieren und sie zugleich als Trugbild zu entlarven.

Dunkle Ahnungen beschwört der Film herauf, er rüttelt das Monster wach, das zwiespältig in uns allen schlummert, gibt ihm Nahrung. Man muss die gezeigten Situationen nicht erlebt haben, um sie sich vorstellen, sie in ihren Konsequenzen erfühlen zu können. Doch Ozon ist kein Spielverderber: Mit leichter Hand vertreibt er am Ende die Geister, die er gerufen hat. Die Sehnsucht ist eben doch stärker.
 

Bernd Haasis

21.10.2004 - aktualisiert: 21.10.2004 14:02 Uhr

 


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