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António Lobo Antunes

Elefantengedächtnis

Schwindlig vor Liebe
 

Warum wird ein Mann Schriftsteller? "Elefantengedächtnis" heißt der erste Roman von António Lobo Antunes, der indirekt eine Antwort auf diese Frage versucht. Ein Vierteljahrhundert nach dem Erscheinen seines Erstlings, der 1979 in Portugal Furore machte, gab der Autor seine Zustimmung für eine Übertragung ins Deutsche. Und das stark autobiografisch gefärbte Werk, das einen Psychiater durch einen Tag in seinem Leben in Lissabon begleitet, erzählt davon, wie ein Mann entdeckt, dass er den Dämonen der Erinnerung nur im Schreiben standhalten kann.

Viele der später immer wiederkehrenden Themen des portugiesischen Schriftstellers sind in seinem Erstling bereits angelegt. Das unbewältigte Trauma des Kolonialkriegs in Angola zum Beispiel, an dem António Lobo Antunes, der studierte Mediziner, als Militärarzt teilgenommen hatte, nagt auch am Protagonisten von "Elefantengedächtnis"; vor der Folie dieses portugiesischen Vietnams scheint privates Glück unmöglich. Vielleicht erklärt sich so die Angst vor der Liebe, die den Psychiater trotz seiner starken Sehnsucht nach Verständnis und Zärtlichkeit dazu trieb, Frau und die beiden Töchter zu verlassen. Schwindlig vor so viel Liebe, wie er sie für seine Frau empfindet und für die er nicht die richtigen Worte zu finden meint, flüchtet er sich ins Schweigen. Doch weil sich nur im Reden der Kontakt mit der Welt halten lässt, wird das Schreiben für Antunes’ Helden zur Überlebensfrage, der Rettungsring, der ihn an der Oberfläche hält.

Wie in seinen darauf folgenden Romanen erwartet den Leser keine lineare Erzählung; Vergangenheit und Gegenwart, Erlebtes und Gedachtes durchdringen sich zu einem sprachlich ausdrucksvollen, wort- und bildgewaltigen Text.

Atemlose Satzgebilde reißen den Leser wie die Strudel eines Hochwasser führenden Flusses in ihren Sog. Eine Metapher jagt die nächste; in der Flut der Bilder gerät allerdings das eine oder andere schon mal schief oder eine Spur zu kitschig. "Verloren wie eine Ameise ohne Kompass" fühlt sich der Psychiater zum Beispiel, als er sich in Gedanken mit einer "geometrischen Lebensordnung" beschäftigt. An anderer Stelle spricht jemand "im blassen Tonfall eines Verstorbenen". "Der Weizen meines Körpers neigt sich dir zu", formuliert der Mann in Gedanken an die grenzenlose Liebe zu seiner Frau, um ein paar Seiten weiter zu erkennen: "Scheiß auf mich und den honigsüßen Romantizismus, der in meinen Adern fließt, meine ewige Schwierigkeit, Worte hervorzubringen, die trocken und genau sind wie Steine." Das Trockene ist wahrlich nicht die Sache von António Lobo Antunes. Mit derbem Realismus lässt er seinen Psychiater die Arbeit in einer Irrenanstalt kommentieren, mit beißendem Sarkasmus fischt er in den Erinnerungen an eine großbürgerliche Kindheit, mit verzweifelter Ironie kommentiert er portugiesische Politik.

"Elefantengedächtnis" ist ein spätes Debüt, das Lust macht, den ganzen Literaten, dessen Geburt hier mit markanter Sprachkunst geschildert wird, kennen zu lernen.
 

Andrea Kachelrieß, Stuttgarter Nachrichten vom 17.11.2004

16.11.2004 - aktualisiert: 21.09.2007 13:41 Uhr

 



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