Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 09.12.2004
Die Unglaublichen
In der Familie liegt die Superkraft
Seit das Animationsstudio Pixar 1995 in "Toy Story" Spielsachen zum Leben erweckt hat, ist der computergenerierte 3-D-Trick auf dem Vormarsch. Und nicht nur technisch setzt Pixar Maßstäbe, sondern auch mit großen Geschichten über Ameisen unter der Knute böser Heuschrecken ("Das große Krabbeln"), haarige Monster auf Irrwegen ("Die Monster AG") und die Größe kleiner Fische ("Findet Nemo").
Nun bringt Pixar eine Hommage ans Zeitalter der Superhelden in die Kinos. Dabei scheinen die Zeitgenossen mit den übermenschlichen Kräften zunächst abgemeldet. Die Menschen waren die Verwüstungen leid, die die Superhelden im Kampf gegen die Bösewichter verursachten, und haben sie zurückgepfiffen. Also arbeitet der bärenstarke Mr. Incredible inkognito als Sachbearbeiter bei einer Versicherung, obwohl er für diesen Job ein viel zu weiches Herz hat. Seine Gummikörper-Frau Elastigirl fühlt sich mit Haushalt und Kinderaufzucht latent unterfordert und muss Tochter Violetta (kann sich unsichtbar machen) und Sohn Flash (ist blitzschnell) ständig dazu anhalten, nicht durch den Einsatz ihrer Superkräfte aufzufallen. Ihre Rettung aus dem zähflüssigen Alltag ist der wahnsinnige Syndrom, der nach der Weltherrschaft trachtet und alle Superhelden auslöschen möchte.
Brad Bird hat eine Mischung aus James-Bond-Abenteuer, Videospiel und Familienkomödie inszeniert: Das hochtechnisierte Labor des Irren liegt im Innern eines Vulkans auf einer Tropeninsel, die Action-Sequenzen beim Schlagabtausch erinnern an Levels eines futuristischen Jump-an-Run-Spiels, und das Gute kann nur siegen, wenn die Familienmitglieder sich zusammenraufen. Sie können Syndroms finsteren Mordmaschinen nur trotzen, wenn sie ihre unterschiedlichen Superkräfte richtig kombinieren. Aufdringlicher als etwa in "Spy Kids" wirkt diese sehr amerikanische Familienidylle, gemildert zum Glück durch eine erstaunliche Gag-Dichte und viel Wortwitz. Natürlich haben Superkräfte auch ihre Tücken. Elastigirl verklemmt in einer Szene ihre extrem gedehnten Gliedmaßen über Meter hinweg zwischen mehreren automatischen Türen - eine perfekte Demonstration, wie köstlich Slapstick sein kann, wenn er gut inszeniert ist. Besonders bemerkenswert ist Birds Stilsicherheit: Er zitiert und parodiert kunstvoll die zukunftsweisende Bildsprache der 60er Jahre, die heute allerorten als Retro-Look zu bestaunen ist. Die Designerin Edna Mode, die die Kostüme der Superhelden entwirft, lebt in einer atemberaubenden Villa mit freischwebenden Treppen, überall stehen elegant geschwungene Sessel, Mr. Incredible fährt einen herrlich kantigen Kleinwagen. Jedes Detail stimmt, und manchem Designer der Gegenwart dürften da die Tränen kommen. Sogar die Titel und der Zeichentrick-Look im Abspann sehen aus, wie man sie aus Filmen von damals kennt ("Der rosarote Panther"), und in der Musik stecken James Bond, "Mission: Impossible" und "Star Trek". Die Superhelden schließlich sind mit viel Fantasie erdacht, Incredibles Kumpel Frozone etwa betätigt sich als Vereisungsspezialist und Hobbysurfer. Die größte aller Superkräfte aber, das soll hier auch der letzte merken, liegt im Schoß der lieben Familie. Zähflüssiger Alltag? War gestern.
Bernd Haasis
09.12.2004 - aktualisiert: 09.12.2004 11:45 Uhr