Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 16.12.2004
Aus der Tiefe des Raumes
Tauchgang ins schwarze Loch
Netz her", ruft der Platzwart nach dem Spiel, um den Ball zu seinen Artgenossen zu legen, und der Schiedsrichter missversteht: "Netzer" notiert er auf seinem Kärtchen bei den Torschützen. So kommt das Mensch gewordene Tipp-Kick-Männchen in diesem Film, das bis dahin nur Günther hieß, zu seinem vollständigen Namen.
Der Film von Regisseur und Autor Gil Mehmert ist ein Tauchgang in die Fantasiewelt eines jungen Mannes in den 60er Jahren, aus dessen Tipp-Kick-Begeisterung eines Tages ein handfester Realitätsverlust wird. Er heißt Hans-Günther, und zunächst scheint er nur ein schüchterner Mofafahrer zu sein, der sich ein wenig schwer tut mit der aufkeimenden Liebe zu der adretten Marion (Mira Bartuschek). Noch aber besteht Hoffnung, dafür sprechen eine fröhlichbeschwingte Handlung mit Tipp-Kick-Turnieren im (sehr) putzigen 60er-Jahre-Dekor. Doch irgendwann kippt die Stimmung, Hans-Günthers Hirngespinste ruinieren sein Leben und alles bricht auseinander.
Einen derart heftigen Umschwung aber übersteht kein Film unbeschadet, denn er hat den Zuschauer emotional hintergangen: Er hat ihn zuerst um die locker-flockige Komödie vom Anfang betrogen, um ihn anschließend in ein großes schwarzes Loch zu stoßen. Das schmälert die Nachsicht, und auf einmal tritt viel schärfer zu Tage, wie "low" das Budget für diesen Film gewesen sein muss: Die historischen Tischdeckchen, Cabrios und Pullunder erzeugen nur eine dürftige 60er-Jahre-Illusion, und bei der Menschwerdung des Tipp-Kick-Männchens hat es noch nicht einmal für richtige Tricks gereicht. Auch einige große Szenen des leibhaftigen Günter Netzer hätte dieser Film natürlich dringend gebraucht.
So ist Gil Mehmert nicht mehr als ein anrührender und anfangs äußerst charmanter Versuch geglückt, der weit hinter dem Potenzial bleibt, das in der Geschichte gesteckt hätte.
Bernd Haasis
16.12.2004 - aktualisiert: 16.12.2004 13:56 Uhr