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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 13.01.2005

Hautnah - Closer

Was nicht zu sehen ist, muss gesagt werden

Drama, USA 2004. 105 Minuten Regie: Mike Nichols. Mit Julia Roberts, Jude Law, Natalie Portman, Clive OwenAb 12; im Cinemaxx (auch OV), Corso (OV), Gloria, Maxx, Ufa
 

Eine Beziehung zwischen Menschen kann, muss aber nicht schwierig sein - zwischen Theater und Film ist sie es immer. Einen Bühnenerfolg ins Kino zu bringen ist eine Kunst für sich, denn auf der Leinwand gelten völlig andere Gesetze. Was passiert, wenn man diese nicht befolgt, demonstriert Mike Nichols mit seiner Verfilmung von "Hautnah", einem Theaterstück um Beziehungswirren zwischen zwei Frauen und zwei Männern: Über weite Strecken wirkt der Streifen, als sei die Kamera auf eine Theaterbühne gerichtet gewesen. Und das liegt vor allem an einem: dem Drehbuch.

Der Londoner Theaterautor Patrick Marber hat sich selbst an der Kinoadaption seiner Ménage à quatres versucht und dabei drei Filmprinzipien missachtet: Erstens wird alles in Dialogen ausgewalzt, was man im Kino - anders als im Theater, wo die Darsteller weit entfernt sind - in Bildern hätte sichtbar machen müssen; zweitens sind die Dialoge ausgeklügelte, fein gefeilte Wortgefechte wie aus einem historischen Gesellschaftsdrama, die nicht in ein realistisches Gegenwartsszenario passen und jede Darstellung echt wirkender Leidenschaft verhindern; drittens sind die Dialoge auf eine derbe Art vulgär, die wohl provozieren soll, aber aufgesetzt wirkt und den Zuschauer nur noch weiter vom Geschehen entfernt.

Die Opfer des unausgesetzten Wortgeklingels sind dessen Themen: Liebe, Vertrauen, Eifersucht, Verletzungen. Julia Roberts (sehr sinnlich), Jude Law (so selbstgefällig wie zerbrechlich), Natalie Portman (sehr ausdrucksvoll, sehr sexy) und Clive Owen (sensationell als sanfter Macho) können so viel Charakter aufbieten, wie sie wollen, die großen Gefühle bleiben im Gerede stecken. Nur ganz selten, etwa wenn der Autor Dan (Law) die Fotografin Anna (Roberts) beim Shooting zu sich ruft und die beiden wortlos in einem Kuss versinken, wird "Hautnah" seinem Titel gerecht, lässt ein großes Bild die Zuschauer am Innenleben der Akteure teilhaben.

In anderen Schlüsselszenen bleibt ihnen das versagt. Der Arzt Larry (Owen) sorgt mit übler Ränke dafür, dass Dan kurz hintereinander sowohl Anna als auch die leichtlebige Alice (Portman) verliert. Wieso das so ist, dass da einer mangels Gespür fürs Zwischenmenschliche die Liebe zweier Frauen erstickt hat, das muss beide Male gesagt werden - zu sehen ist es nicht.

Der alte Hase Mike Nichols ("Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", "Die Reifeprüfung"), dessen Karriere Ende der 50er Jahre am Theater begann, hätte gnadenlos streichen, Worte in Bilder übersetzen müssen. So bleiben von der Kino-Adaption eines wahrscheinlich empfehlenswerten Bühnenstücks nicht mehr als vier erstaunliche, auch mutige Schauspielerleistungen. Und die alte Erkenntnis, wie schwierig Beziehungen sein können.
 

Bernd Haasis

13.01.2005 - aktualisiert: 13.01.2005 11:07 Uhr

 


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