Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 03.03.2005
Silentium
Makabre Unverfrorenheit
I glaub" net!", antwortet Brenner auf die Frage des Salzburger Festspielpräsidenten, ob er denn ein großzügiger Mensch sei. Und weil das so ist, wird er in naher Zukunft so allerlei einstecken müssen - von Gangstern, Polizei und Geistlichen.
Und hinterher wird er einfach wieder aufstehen, sich den Staub abklopfen, eine Hand voll Kopfschmerztabletten schlucken und weiterermitteln - bis ihn die Nächsten abpassen und zur Großzügigkeit erziehen wollen. Vergeblich, versteht sich. Denn wenn"s um seinen Fall geht, ist Brenner verdammt kleinlich.
Brenner ist der Privatdetektiv, den der österreichische Krimiautor Wolf Haas 1996 geschaffen hat und der vor fünf Jahren in "Komm, süßer Tod" sein Leinwanddebüt gab - einem ebenso makabren wie amüsanten Werk um Machenschaften konkurrierender Rettungsdienste in Wien. Brenner, das ist außerdem der Schauspieler Josef Hader, der Haas" Figur kongenial interpretiert und so unverwechselbar unvergesslich macht wie Humphrey Bogart einst Philip Marlowe oder Götz George Horst Schimanski.
Nun also "Silentium" - oder "Halt"s Maul auf Lateinisch", wie der Sportpräfekt des Knabenkonvikts, in dem Brenner undercover ermittelt, bereitwillig übersetzt; und wieder ist es ein Film geworden, dessen Dialogwitz und makabre Unverfrorenheit seine Zuschauer durch ein Wechselbad der Gefühle zwingt, das im kalten Nieselregen beginnt und unter einer kochend heißen Dusche endet. In einer kruden Melange aus Klosterkrimi und Gesellschaftssatire entspinnt sich ein knallharter Thriller um den Tod eines sexuell missbrauchten Klosterschülers, Menschenhandel mit philippinischen Hausmädchen und Ränkespiele hinter den Kulissen der Salzburger Festspiele.
Makaber, amüsant und extrem sehenswert.
Tilman Weigele
03.03.2005 - aktualisiert: 03.03.2005 11:24 Uhr