Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 24.03.2005
Million Dollar Baby
Der einsame Wolf hat ein großes Herz
Clint Eastwood kultiviert gerne das Image vom alten Haudegen, aber spätestens seit "Die Brücken am Fluss" wissen wir: Der einsame Wolf hat ein großes Herz. In dem anrührenden Melodram spielte er einen Fotografen, der die Liebe seines Lebens findet und gleich wieder verliert.
Nun hat er Amerika mit dem Herzen einer Boxerin gewonnen: "Million Dollar Baby" war der Star der diesjährigen Oscar-Verleihung mit vier Auszeichnungen, darunter die beiden begehrtesten für den besten Film und für die beste Regie.
Der 74-jährige Eastwood spielt darin einen Boxtrainer, der seine besten Jahre lange hinter sich hat und ein heruntergekommenes Boxstudio betreibt. Er ist ein verschlossener Kerl, der einer verlorenen Tochter Briefe schreibt, ohne je Antwort zu bekommen. Eines Tages taucht die ehrgeizige Maggie bei ihm auf (ebenfalls Oscar-prämiert: Hilary Swank) und bleibt hartnäckig: Verbissen trainiert sie allein, bis er endlich mit seinem Grundsatz bricht, keine Frauen zu coachen. Sie wird ein Champion, er feiert einen späten Triumph. Doch eine ebenso harte wie unfaire Gegnerin bricht ihr im wahrsten Sinne des Wortes den Hals - und zwingt Trainer und Athletin, diese beiden harten Knochen, sich auf einer ganz ungewohnten emotionalen Ebene zu finden.
Die unglaubliche Hilary Swank, die schon mit ihrem ersten Film "Boys Don"t Cry" einen Oscar errungen hat, schenkt dem menschlichen Willen eine nahezu perfekte Verkörperung. Mit unbändiger Energie und Bestimmtheit verleiht sie ihrer Boxerin Fäuste, Blicke und ein Rückgrat, dass manche reale Sportlerin neidisch werden könnte. Als Mädchen aus dem Wohnwagenpark, das in den USA zum White Trash gezählt würde, spricht sie in der Originalfassung nicht nur einen derben Südstaatenslang; der Film stellt ihr auch eine Familie zur Seite, die nachhaltig demonstriert, was asozial bedeutet: Als sie ihrer Mutter das Haus zeigt, das sie ihr gekauft hat, macht diese ihr Vorwürfe: Sie hat Angst, ihren Anspruch auf Sozialhilfe zu verlieren.
Morgan Freeman (ebenfalls Oscar-prämiert) schließlich, gute Seele und Mädchen für alles im Boxstall, spielt sich mit Eastwood die Bälle zu, wie das nur seltsame, alte Paare können: "Was glaubst du, wie es hier aussehen würde ohne mich?", fragt Freeman, und Eastwood antwortet: "Genau so."
Nur einer gelingt es, dem Raubein, das die wichtigsten Prinzipien des Sports in wenigen Worten ganz anschaulich erläutern kann, seine weiche Seite zu entlocken - und sie ist weit mehr als nur ein Ersatz für die abhanden gekommene Tochter. "Mo Cuishle" nennt der alte Trainer seine erste und einzige Boxerin, ein gälischer Begriff, der sich als Zeichen großer Zuneigung entpuppt; doch er löst das Rätsel erst auf, als sich ihre Wege für immer trennen. Doch wir wissen ja längst: Der einsame Wolf hat ein großes Herz.
Bernd Haasis
24.03.2005 - aktualisiert: 24.03.2005 11:22 Uhr