Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 31.03.2005
Be Cool
Der richtige Titel im falschen Film
Ein Gangster reist nach Hollywood, um Geld einzutreiben, und stellt fest, dass das Filmgeschäft ganz ähnlich funktioniert wie jenes, in dem er tätig ist - davon handelte "Schnappt Shorty", eine organisch auf "Pulp Fiction" folgende Satire mit John Travolta in der Hauptrolle, einem brillanten Gene Hackman in der Rolle des erfolglosen Filmproduzenten Harry Zimm und Danny DeVito als sensibler Filmdiva.
Knapp zehn Jahre später kehrt Travolta nun als Chili Palmer zurück, und diesmal schwenkt er um aufs nicht weniger verdorbene Musikgeschäft. Doch anders als Barry Sonnenfeld, der in "Schnappt Shorty" eine leichte, unblutige Variante eines Tarantino-Films inszenierte, bleibt F. Gary Gray nicht konsequent bei seinen Ganoven - er stilisiert Chili zum Samariter, der eine begabte Sängerin (eine stimmgewaltige Entdeckung: Christina Milian) vor ihrem Manager rettet und die Inhaberin einer kleinen Pattenfirma (Uma Thurman) vor dem Ruin.
Das üppige Begleitpersonal ist eher Staffage: Mafiöse Russen, bis an die Zähne bewaffnete Gangster-Rapper, Plattenbosse (Harvey Keitel) und ein Chauffeur, der vom Durchbruch als Sänger träumt, reihen da spaßige Mätzchen aneinander. Doch die Komödie wirkt oft aufgesetzt, die Schauspieler, etwa Vince Vaughan als durchgeknallter Manager, mühen sich vergeblich, denn die Figuren sind nicht skurril, sondern reine Stereotypen. Und der durchaus vorhandene Sprachwitz (Vaughn redet wie ein Schwarzer, weil er das für cool hält) wird in der deutschen Synchronisation untergehen.
Allzu offensichtlich versucht dieser Film, sich am Ernst seines Themas vorbeizumogeln: Hier geht es nicht um abgehalfterte Gauner, mit denen niemand Mitleid zu haben braucht, sondern darum, wie das Musikbusiness talentierte junge Künstler schamlos ausbeutet. Und Chili Palmer zeigt, wie man Stars macht, indem man sie etablierten Größen wie Aerosmith andient. Dieser stärkste Teil des Films bietet seltene Einblicke - in den schwachen Momenten aber knickt sogar Travolta ein. Sein Chili Palmer versprüht nicht mehr das unwiderstehliche Charisma, das ihn im ersten Teil unangreifbar erscheinen ließ, und so wird er als Tausendsassa bald unglaubwürdig.
Wenn Travolta und die völlig farblose Uma Thurman dann ihre legendäre Tanzszene aus "Pulp Fiction" als Abklatsch wieder aufwärmen, wünscht man sich, sie hätten den Filmtitel beherzigt. Und sogar die Mischung auf dem an sich anständigen Soundtrack (u. a. Elis Regina, James Brown, William De Vaughn) orientiert sich klar an Tarantinos Erfolgsrezept. Das ist weder Hommage noch Persiflage, sondern einfach nur dreist abgekupfert.
Bernd Haasis
31.03.2005 - aktualisiert: 31.03.2005 12:22 Uhr