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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 14.04.2005

Palindromes

Viel verlangt

Ein Palindrom ist ein Wort oder Satz, das oder der vorwärts wie rückwärts gelesen werden kann - so wie Aviva. Die ist zwölf und schwanger, und das passt nicht ins Weltbild der Eltern. Also wird das keimende Leben daran gehindert, geboren zu werden. Aviva haut ab und lernt das Leben kennen: Als Straßenkind und Sektenmitglied, als Liebende und Missbrauchte. Und ganz am Ende wird alles so sein, wie es immer war: Aviva steht (symbolisch gesehen) mit leeren Händen da.

Ob mit oder ohne Vorwissen: Todd Solondz, bekannter amerikanischer Independent-Regisseur, verlangt viel vom Zuschauer. Nicht nur, dass er die Rolle der Aviva von zwei Frauen, fünf Mädchen und einem Jungen spielen lässt; er setzt auch die einzelnen Sequenzen so hart nebeneinander, dass man sich zwischendurch im falschen Film wähnt. Und Solondz lässt keinen Zweifel daran, dass es sich bei "Palindrome" um ein Konstrukt handelt.

Das Palindrom Aviva steht für alle, die ein Leben in bigotter Doppelmoral leben müssen. Ob aber die Geschichte eines ungeliebten Mädchens, das sich im rosaroten Plüschkinderzimmer nichts sehnlicher wünscht als einen Menschen, den es lieb haben kann, derart verdrechselt präsentiert werden muss, dürfen die Zuschauer mit sich und ihren cineastischen Neigungen ausmachen.
 

Brigitte Jähnigen

14.04.2005 - aktualisiert: 14.04.2005 11:13 Uhr

 


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