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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 12.05.2005

Unleashed - Entfesselt

Zwischen den Stühlen gelandet

Ganz deutlich ist Luc Bessons Handschrift in diesem Film zu erkennen: Wie "Léon der Profi" handelt auch "Unleashed" von einem einsamen Gewalttäter, dem unverhofft sein verschüttetes gutes Herz freigelegt wird. Danny (Jet Li) lebt in einem stählernen Kellerverlies und freut sich über ein paar Brocken, die man ihm nach getaner Arbeit hinwirft - denn er ist ein menschlicher Kettenhund: Solange er sein Halsband trägt, ist er lammfromm, doch sobald sein Boss, der Gangster Bart (Bob Hoskins), es ihm abnimmt, verwandelt er sich in eine unbezwingbare Tötungsmaschine.

Eines Tages trifft Danny - auf seinen Killereinsatz wartend - den blinden Klavierstimmer Sam (Morgan Freeman). Der ist weise und geht behutsam mit den Instrumenten um und bringt so eine verrostete Saite in Dannys Innerem zum Schwingen. Als dieser kurz darauf plötzlich auf sich allein gestellt ist, nimmt Sam den Autisten auf, ohne Fragen zu stellen, und seine 18-jährige Stieftochter Victoria (Kerry Condon) bringt Danny dazu, sich dem Leben zu öffnen. Er blüht auf - bis er beim Einkaufen einen seiner früheren Gangsterkollegen trifft ...

Kung-Fu-Star Jet Li füllt seine Rolle zu jedem Zeitpunkt aus. Bei den Kampfszenen ist das selbstverständlich, aber gerade in den stillen Momenten gelingt es ihm, mit kindlicher Neugier und Freude das Wunder eines erwachenden Menschseins zu vermitteln. Morgan Freeman bei der Arbeit zuzuschauen ist ein reiner Genuss, auch Kerry Condon macht ihre Sache als Mentorin ausgezeichnet. Und Bob Hoskins spielt perfekt den skrupellosen Gangsterboss, der sich gerne als Dannys Gönner ausgibt.

Louis Leterrier hat alle Register gezogen, um Bessons Drehbuch angemessen zu bebildern: Die Kampfszenen sind technisch aufwändig inszeniert, schnell geschnitten, farbarm, eiskalt und ultrabrutal; das familiäre Melodram dagegen ist ein harmonischer, gemächlicher Fluss warmer Farben.

Alles richtig gemacht also? Nicht ganz. Die stilisierte Gangsterwelt ist allzu unbarmherzig und blutig geraten, das Idyll vom herzensguten Klavierstimmer und seinem Töchterchen als allzu idealtypische Wunschvorstellung. Und auch in anderer Hinsicht bleibt ein gewisses Unbehagen: Jet Lis Figur erfüllt exakt das Klischee vom unterwürfigen Asiaten, zuerst als willenloser Sklave, dann als willfähriger Nacheiferer westlicher Lebenskultur.

Die jüngere Zielgruppe dürfte vor allem eine Sorge haben: Den einen dürften die Gewaltorgien zu heftig sein, den anderen die Phasen dazwischen zu langweilig. "Léon" war da von anderer Qualität. Luc Besson mag geahnt haben, dass er zwischen den Stühlen landen könnte; vielleicht hat er sein Drehbuch deshalb einem anderen anvertraut.
 

Bernd Haasis

12.05.2005 - aktualisiert: 12.05.2005 14:07 Uhr

 


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