Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 08.09.2005
Öffne meine Augen
Opfer und Täter gibt es nicht
Es ist erstaunlich, wie dieser Film es schafft, authentisch zu wirken und ohne Schuldzuweisungen auszukommen - dabei erzählt er von Gewalt zu Hause, davon, wie ein Mann seine Frau schlägt, sie körperlich und psychisch demütigt.
Pilar hat Angst: Sie duckt sich vor ihrem Gatten wie das Kaninchen vor der Schlange, paralysiert, zitternd. Antonio ist verzweifelt: Seine Eifersucht, gepaart mit Minderwertigkeitsgefühlen, macht ihn rasend. Er zerstört, was er liebt, aus Angst, es zu verlieren. Pilars Schwester hasst den Schwager für das, was er ihrer Schwester antut. Die Mutter redet beschwichtigend auf sie ein und mahnt zur Versöhnung.
Pilar kann sich nicht entscheiden, aber sie sehnt sich nach einem Leben ohne Schläge in Freiheit. Schließlich sucht Antonio Hilfe in einer Gruppentherapie bei einem Psychologen. Hier versammeln sich Männer, die zu Gewalt neigen und die Bedeutung des Wörtchens Respekt irgendwann vergessen oder nie gelernt haben.
Der spanischen Regisseurin Iciar Bollain, die bereits mit "Blumen aus einer anderen Welt" (1999) ein schwieriges Thema eingängig und poetisch zu vermitteln vermochte, gelingt mit "Öffne meine Augen" das heikle Unterfangen, die gängigen, eindimensionalen Darstellungen einer Abhängigkeitsbeziehung zu unterlaufen. Psychologisch einfühlsam und differenziert schaut sie hinter die Fassade. Sie legt den Fokus auf ihre Hauptfiguren, scheut bei ihrer Suche nach Gründen aber auch den Blick aufs Umfeld nicht. Opfer und Täter gibt es hier nicht. Es gibt Andeutungen, leise Hinweise auf Verletzungen und Vorurteile, auf gesellschaftliche Konventionen und individuelle Erwartungen.
Iciar Bollain ist nicht nur Regisseurin, sondern auch Schauspielerin. Mit Filmen wie Victor Erices "El Sur - Der Süden" und Ken Loachs "Land And Freedom" wurde sie bekannt. Vielleicht gelingt es ihr deshalb so brillant, ihren Figuren Tiefe und Authentizität zu verleihen. Laia Marull und Luis Tosar als Pilar und Antonio spielen mitreißend. Der Zuschauer kann nicht anders: Er sympathisiert - selbst mit dem prügelnden Antonio und der Mutter, die vor den Tatsachen die Augen verschließt. Mit "Öffne meine Augen" beweist Bollain, dass sie die Regie so gut beherrscht wie das Schauspiel.
Bei der Verleihung des spanischen Filmpreises erhielt sie nicht umsonst sieben Goyas, unter anderem für die beste Regie, den besten Hauptdarsteller und die beste Hauptdarstellerin.
Eva Maria Schlosser
08.09.2005 - aktualisiert: 08.09.2005 11:01 Uhr