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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 15.09.2005

Gespenster

Heimatlose treiben durch die Stadt

Ein-, zweimal nur ist kurz ein kleines Lächeln zu sehen, und beide Male strahlt es wie ein Sonnenaufgang - denn die Berliner Gegenwart, in der die beiden Hauptdarstellerinnen in Christian Petzolds Film "Gespenster" gefangen sind, bietet wenig Anlass zur Heiterkeit. Doch der Film versinkt keineswegs in Verzweiflung - im Gegenteil: In Petzolds Ausflug in eine surreale Kunstwelt urbaner Nischen und Einsamkeiten existiert immer auch der diffuse Traum, dass sich etwas grundlegend ändern könnte.


Teilnahmslos, als wäre ihre Seele schon lange taub, treibt Nina durch die Stadt. Wie sie einfach nur dasteht und wortlos andere Menschen anschaut, ist von Beginn an klar: Dieses Waisenmädchen ist alleine mit sich, furchtbar alleine. So einsilbig und introvertiert Nachwuchstalent Julia Hummer ihre Figur angelegt hat, so viel von deren Innenleben vermittelt sie allein über Gesten, minimale Mimik, schiere Präsenz - eine grandiose Leistung, wie sie sie schon in Petzolds Film "Die innere Sicherheit" gezeigt hat.


Nina trifft Toni, eine dem Größenwahn nahe Herumtreiberin von Kubrickschem Zuschnitt, die sich von einem Chaos ins nächste manövriert, mal betört und mal zurückstößt, je nachdem, wie es die Situation gerade erfordert. Ausgerechnet sie möchte Nina als Freundin gewinnen, weil sie sie im Traum gesehen zu haben glaubt - ein aussichtsloses Unterfangen. Sabine Timoteo steht Julia Hummer in nichts nach, spielt ungeheuer impulsiv eine entrückte junge Frau, die nichts hat, aber doch so tut, als gehöre ihr die ganze Welt.


Letztere besteht in diesem Fall nur aus Stadt, genauer: aus zwei Gesichtern einer Stadt. Petzold hat scharf kontrastierende Schauplätze ausgewählt: Die gesichtslose Blockarchitektur um die Arkaden am Potsdamer Platz symbolisiert eindrucksvoll, wie sich der Mensch verlieren kann in monumentalen Phantombauten ohne Charakteristika, die nicht einladen, sondern rein zweckgebunden und teilnahmslos genutzt werden; das satte Grün der Parkanlagen des Tiergartens, fotografiert in kalten Farben und mit Windmaschinen als ein bedrohlicher Ort stürmischer Pseudo-Natur stilisiert, wird zum Refugium der Heimatlosen.


An der Schwelle zwischen beiden Welten geraten die beiden Frauen in ein Casting, in dem sie Freundinnen spielen sollen, die erzählen, wie sie einander kennen gelernt haben. Während Toni sehr überzeugend draufloserfindet - nur wer lügt, überlebt -, fehlen der schüchternen Nina die Worte. Kaum springt sie über ihren Schatten, da becirct Toni schon den Regisseur (aalglatt: Benno Fürmann). Und als wäre das nicht genug, lässt Petzold noch eine verstörte Frau durch Berlin geistern, die in Nina ihre verlorene Tochter zu erkennen glaubt.


"Gespenster" braucht wenig Worte, ist sehr zeitgenössisch und weckt doch Reminiszenzen an die Qualitäten des guten alten Autorenfilms der 70er Jahre: Das meiste bleibt im Bild oder zwischen den Zeilen. Deutscher Film kann stilistisch und atmosphärisch stimmig sein.
 

Bernd Haasis

15.09.2005 - aktualisiert: 15.09.2005 10:57 Uhr

 


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